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Annette Hempel
Noch ist es kühl, noch liegt der Winter in den Ecken, aber das Lichtverändert bereits den Blick. Plötzlich fällt auf, was sich angesammelthat. In Schränken. In Kellern. In Gedanken. Der Wunsch nach Aufräu-men entsteht nicht aus Ordnungsliebe, sondern aus dem Bedürfnisnach Luft, Platz und Klarheit. Ausmisten ist mehr als Sortieren. Es isteine Form von Selbstklärung.Es beginnt meist harmlos. Mit einem Stapel Kleidung auf dem Bett.Einer Kiste im Keller. Dem Vorsatz, nur kurz Ordnung zu schaffen.Und endet nicht selten in einem Nachmittag voller Erinnerungen,Entscheidungen und leiser Fragen: Was davon brauche ich noch? Wasdarf gehen? Und was erzählt von vergangenen Zeiten?Da sind die Kleider. Sie stehen uns näher als viele andere Dinge. Siebegleiten uns durch Tage, Rollen, Lebensphasen. Kleidung schützt, zeigt,verbirgt, unterstreicht Persönlichkeit. Sie erzählt Geschichten: von frühe-ren Versionen unserer selbst, von Hoffnungen, Übergängen, manchmalauch von Abschieden. Ein Kleidungsstück wegzugeben bedeutet seltennur, Platz im Schrank zu schaffen. Es bedeutet, sich innerlich neu zu jus-tieren. Zu spüren: Was passt noch zu mir – und was nicht mehr?Dann ist da der Keller. Der Ort für alles, was keinen festen Platzhat. Dinge, die wir nicht wegwerfen können. Dinge, die wir vielleichtnoch brauchen. Dinge, die zu schade sind. Der Keller ist oft ein Archivder Unentschiedenheit. Beim Aufräumen dort begegnen wir nicht nurGegenständen, sondern aufgeschobenen Entscheidungen oder unsselbst aus einer vergangenen Lebensphase. Manche Gegenstände be-handeln wir gar wie ein lebendiges Wesen, welches Fürsorge braucht.Sie können, Sie dürfen die alten Sachen einfach weggeben. Ja, siewaren mal teuer oder man hat sogar darauf gespart – aber ein Ding,das nur noch Platz beansprucht und keinen Nutzen mehr für uns hat,ist keine Katze. Es braucht keinen guten neuen Platz, keine besonde-re Begleitung oder Fürsorge – es darf gehen.So entsteht wieder Raum – in den Zimmern, im Kopf und in den Gedan-ken. Ich wünsche Ihnen die nötige Klarheit im Blick und den Mut zum Los-lassen, um für das, was wachsen will, Platz zu schaffen.
