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Annette Hempel
Der Mai ist die Zeit, in der vieles sichtbar wird: Was gewachsen ist, zeigt sich. Knospen öffnen sich, Farben werden klarer, Konturen deutlicher. In der Natur wirkt das selbstverständlich - im Alltag fällt es uns oft schwerer. Sich zu zeigen, ohne sich zu erklären, ist für viele Menschen ungewohnt. Im Coaching begegnet mir immer wieder die Tendenz, das Eigene sofort einzuordnen, zu begründen oder abzuschwächen. Noch bevor etwas ausgesprochen ist, wird es relativiert: „Ich bin mir nicht sicher, aber …“, „Das ist jetzt vielleicht nicht ganz richtig …“ oder „Ich kenne mich da nicht so gut aus, aber …“. Was folgt, ist oft ein Gedanke, der klar, angemessen und hilfreich ist. Nur wird er eingerahmt von so viel Vorsicht, dass seine Wirkung kleiner wird, als sie sein könnte. Vielleicht liegt das daran, dass Sichtbarkeit schnell mit Bewertung verbunden wird. Wer sich zeigt, wird gesehen. Und wer gesehen wird, kann beurteilt werden. Diese Verbindung führt dazu, dass viele Menschen sich lieber ein Stück zurücknehmen – oder sich absichern, bevor sie überhaupt in Erscheinung treten. Dabei hat sich oft längst etwas entwickelt: Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen sind gewachsen, haben sich verdichtet, sind selbstverständlich geworden. Und genau das reicht aus, um präsent zu sein. Sich zu zeigen bedeutet nicht, laut zu sein. Es bedeutet auch nicht, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Es heißt vielmehr, einen Gedanken zu äußern, eine Einschätzung auszusprechen, eine Haltung sichtbar werden zu lassen – ohne sie sofort wieder zu relativieren. Vielleicht ist das ein passender Schritt nach dem Erkennen der eigenen Ressourcen: den eigenen Gedanken auch Raum zu geben und sie in die Welt zu tragen. Nicht alle Impulse brauchen Erklärungen, manches darf nachhallen und wirken. So entstehen Bewegung, Klarheit, Orientierung und Verbindung. Ich wünsche Ihnen den Mut, sich zu zeigen – und Vertrauen in das, was sichtbar werden möchte.
