©Privat
Annette Hempel
Das Wetter ist herrlich sonnig. Der Strand liegt keine zehn Minuten entfernt. Ich sitze trotzdem auf der Terrasse des Ferienhauses. Mit Kaffee. Ohne Plan. Vor einigen Jahren hätte ich das nicht ausgehalten. Da gab es immer etwas zu tun, irgendwo hinzugehen, etwas zu erleben – schließlich ist Urlaub wertvoll, weil rar und begrenzt. Meine innere Stimme raunt mir zu: „Die kostbare Zeit musst du bestmöglich ausnutzen!“ Kennen Sie das auch: Effizienz selbst im Urlaub und in der Freizeit? Und jetzt? Ich sitze einfach da und warte. Auf den nächsten Gedanken. Auf einen Impuls, der vielleicht kommt – oder auch nicht. Ich lasse die Zeit vergehen und übe mich darin, dass das vollkommen in Ordnung ist. Es ist schwieriger, als es klingt. Nicht-Tun ist keine Passivität, es ist in diesem Fall eine aktive Entscheidung. Man muss dem inneren Antreiber bewusst widersprechen, der schon die nächste Aufgabe, den nächsten Ausflug, die nächste sinnvolle (!) Beschäftigung parat hält. Ich kenne diesen Antreiber gut – bei mir trägt er Laufschuhe und hat immer einen Vorschlag. Erholung stellt sich jedoch nicht auf Kommando ein. Sie kommt, wenn man ihr angemessenen und ausreichenden Raum lässt. Wenn man nicht gegen die Stille ankämpft, sondern in ihr sitzt – einfach so, mit dem Kaffee, der langsam kalt wird. Ich nehme wahr: Im Warten passiert gar nicht so wenig. Gedanken sortieren sich wie von Zauberhand. Bilder aus den letzten Wochen tauchen auf und ziehen weiter wie die Wolken über dem Meer. Irgendetwas in mir atmet tiefer. Das ist keine Langeweile – das ist Ankommen. Vielleicht kennen Sie das auch: den Moment, in dem der Urlaub tatsächlich beginnt. Nicht am ersten Tag, wenn die Koffer noch nicht ausgepackt sind. Sondern irgendwann mittendrin, wenn Sie aufgehört haben, den Urlaub zu managen. Ich wünsche Ihnen genau diesen Moment des bei sich Ankommens und der inneren Erholung – egal ob am Strand, auf der Terrasse oder einfach auf Ihrem Sofa.
