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Annette Hempel
Jede Supervisions- oder Coachingeinheit beginnt bei mir damit, dass ich meine Klient*innen frage, wie es ihnen geht. Die Frage ist echt und ehrlich gemeint, keine Floskel. Ich will wissen, wie es dem Menschen, der mir auf dem anderen Sessel gegenübersitzt, gerade geht. Hin und wieder kommt dann ein „Mir geht's ganz gut." Im Gespräch tritt dann jedoch rasch zutage, dass Menschen Sorgen drücken oder dass sie eigentlich schon über ihrer Belastungsgrenze agieren - im Beruf und auch im Privatleben. Menschen sind verärgert, enttäuscht oder erschöpft - und gleichzeitig finden sie sofort Gründe, warum das eigentlich gar nicht so wichtig ist. Andere haben schließlich größere Probleme. Es könnte schlimmer sein. Und überhaupt: Das wird schon wieder - muss ja! Wie schlimm muss etwas sein, damit wir es ernst nehmen? Und reicht subjektives Empfinden, oder gibt es eine Standard-Messskala von Sorgen, Traurigkeit und Verzweiflung, die genutzt werden muss? Eine Antwort darauf suche ich in solchen Momenten meist vergeblich: Diese Skala gibt es nicht! Noch bevor das eigentliche Anliegen ausgesprochen ist, wird es kleingeredet. Als müsste man sich das Recht darauf erst verdienen. Dabei ist die Sache eigentlich einfach: Ein Bedürfnis ist da, oder es ist nicht da. Eine Sorge beschäftigt Sie, liebe Lesende, oder sie tut es nicht. Ob diese im Vergleich zu den Sorgen anderer „berechtigt" ist, spielt für Ihr Erleben keine Rolle. Schlecht fühlt sich schlecht an - ganz egal, wie es gerade allen anderen geht. Sich selbst ernst zu nehmen, heißt dabei nicht, jedem Bedürfnis sofort nachzugeben oder jede Sorge gleich zur Katastrophe aufzublasen. Es heißt, erst einmal hinzuschauen, bevor man urteilt. Vielleicht beginnt das im Kleinen: Beim nächsten „Ist doch nicht so schlimm" innehalten und fragen: Was beschäftigt mich da eigentlich genau? Und darf das erst mal einfach da sein - ganz ohne Vergleich, ganz ohne Rechtfertigung? Und wenn ich das nächste Mal frage, wie es Ihnen geht oder Sie sich selbst diese Frage stellen, dann darf Ihre Antwort auch lauten: „Es geht mir nicht gut." Punkt. Ohne Nachsatz. Ohne Rechtfertigung. Ich wünsche Ihnen den Mut, Ihre eigenen Bedürfnisse, Bedenken und Sorgen zulassen zu können und ernst zu nehmen.
