©Jens Koch
Götz Alsmann
Er ist Pianist, Entertainer, Musikwissenschaftler – und längst eine Institution in Sachen stilvoller Unterhaltung: Götz Alsmann. Mit seinem neuen Programm „…bei Nacht…“ widmet sich der „König des Jazzschlagers“ wieder den goldenen Zeiten des deutschen Liedes – charmant, augenzwinkernd und musikalisch virtuos. Im Gespräch erzählt er, warum ihn die Nacht als Thema fasziniert, was ihn an alten Schlagern noch immer berührt und weshalb er sich auf das Wiedersehen mit seinem Publikum in Darmstadt besonders freut. FRIZZmag: „…bei Nacht…“ stellt die Nacht ins Zentrum – musikalisch wie thematisch. Was reizt dich an diesem Motiv, und warum gerade jetzt? Götz Alsmann: Es gibt einfach die unterschiedlichsten Arten, die Nacht zu genießen – beispielsweise mit einem guten Whisky an einem prasselnden Kaminfeuer an alte wilde Zeiten denken. Das ist fraglos sehr schön und nostalgisch. Ich halte das Thema „Nacht“ schon seit jeher für interessant und habe schon seit Längerem Lieder dazu gesammelt. Aus einer Long List ist dann eine Short List geworden, wobei die Auswahl rein ästhetischen Entscheidungen folgt. Dein aktuelles Programm greift auf erlesene Schlagergeschichten von etwa 1910 bis 1965 zurück. Nach welchen Kriterien wählst du ein Repertoire aus? Letzteres ist das eigentlich Entscheidende. Die Lieder müssen von mir und uns gesanglich und spielerisch gut darzustellen sein. Mir muss ein Arrangement speziell für meine Bandbesetzung einfallen. Da gibt es auch Stücke, bei denen man direkt nach ein, zwei Proben merkt: „Das lassen wir mal lieber wieder.“ Es gibt Lieder, die wollen einfach nicht zu einem kommen. Dann gibt es Stücke, die arrangiert man dreimal immer wieder anders, jedes Mal toll, und fragt sich: „Welche Version nehmen wir jetzt?“ Im Falle des aktuellen Albums ging es auch darum, Stücke auszuwählen, die mit den musikalischen Gästen gut umsetzbar waren – beispielsweise ein schönes Duett mit Roland Kaiser zu finden oder die richtigen Stücke für die „Zucchini Sistaz“, Nils Landgren oder Till Brönner. Wie gelingt es, dass all diese Gastmusiker*innen den typischen Götz-Alsmann-Klang mittragen, statt ihn zu überdecken? Zunächst einmal kenne ich die Mitwirkenden alle bestens und zum Teil auch schon sehr, sehr lange. Till Brönner beispielsweise war schon als ganz junge Neuentdeckung vor fast dreißig Jahren bei Platten von mir dabei. Oder Roland Kaiser – der war jahrzehntelang mein Nachbar. Von daher wussten alle, worauf sie sich bei mir einlassen. Das lief im Studio alles ganz organisch ab. Ich erinnere mich noch, wie wir mit Nils Landgren aufgenommen haben. Die Begleitung war fertig produziert, er spielte dazu und dann gab es so einen ganz eigenartig harmonisierten Mittelteil. Da brach er ab und rief lautstark: „Das sind doch wieder diese S******-Alsmann-Harmonien!“ Das war ganz schön (lacht). Letztlich hat es vor allem mit Arrangement zu tun – sich vorzustellen, wie die Gäste zu den Stücken klingen können, wie man sie einbaut, welche Aufgaben man wie verteilt. Ich glaube, das ist ganz gut gelungen. Du giltst seit Jahren als „König des deutschen Jazzschlagers“. Was bedeutet dir dieser Titel – eher Schmunzeln oder Auftrag? Es gibt mehr Leute, die dieses Etikett verwenden könnten, aber sie tun es nicht. Ich denke da an meine Mitbewerber wie Ulrich Tukur oder, bis zu einem gewissen Grad, Max Raabe. Und dann gibt es noch hin und wieder neue Interpreten, die zum Beispiel jazzig angehauchten Bossa-Nova-Popsongs in deutscher Sprache machen. Auch die passen eigentlich gut in dieses Format. „Schlager“ ist in Deutschland ein schillernder, manchmal belächelter Begriff. Wie hältst du die Balance zwischen Nostalgie und Augenzwinkern? Das ist sehr treffend ausgedrückt. Allerdings kann der Begriff „Schlager“ alles oder nichts bedeuten – genauso wie der Begriff „Jazz“. Wenn man ihn mal auf den Kern hinunterbricht, ist der Schlager eigentlich ganz einfach ein Unterhaltungslied in deutscher Sprache. Rein musikalisch liegen zwischen Rudi Schuricke (30er bis 50er Jahre) und Helene Fischer Welten – und doch werden beide als „Schlagerkünstler“ bezeichnet. Der Begriff „Schlager“ wird daher gerne mit Zusätzen wie „Pop-Schlager“, „Volksmusik-Schlager“ oder „Ballermann-Schlager“ garniert. Schlager ist ein Begriff, der viel umfasst und doch nichts aussagt. Die Franzosen gehen viel entspannter damit um. In Frankreich ist das gesamte Liedgut in französischer Sprache – von Yves Montand bis Punkrock – schlicht „Chanson“. Mit dir stehen seit Jahren dieselben Musiker auf der Bühne. Was schätzt du an dieser Besetzung besonders? Es gab bei uns in den letzten fast vierzig Jahren nur sehr wenige Besetzungswechsel, das stimmt. Die Band ist sehr versiert und spielstark. Wenn man ein Lied gut findet und herausfinden möchte, ob es etwas fürs eigene Repertoire ist, macht man ein erstes Probearrangement und spürt schon nach Minuten, wohin die Reise geht. Ich weiß einfach sehr genau, wie jeder spielt. Man sagt ja über Duke Ellington, dass sein Instrument nur vordergründig sein Klavier war – eigentlich war sein Instrument die Band. Bei mir verhält sich das ganz ähnlich. Ich weiß genau, für wen ich die Noten schreibe. Und natürlich die viele, viele Zeit gemeinsam auf Tournee – das möchte man in angenehmer Gesellschaft verbringen. Eure Konzertabende leben auch von deinen charmant-ironischen Moderationen. Schreibst du die vorher? Man kann mit so einem Programm nicht zweihundertmal einen völlig neuen Abend erfinden. Die Lieder stehen in einer Reihenfolge, dazu gibt es passende Moderationen. Da macht man sich im Vorfeld schon Gedanken. Wirklich geschrieben sind sie nie. Sie entstehen im Laufe der Vorpremieren, dann kommen improvisierte Dinge hinzu – und irgendwann steht das Ganze. Im Prinzip ist der Abend auf einer Tour immer ähnlich – klar. Aber wer die ersten Konzerte sieht und später nochmal kommt, merkt, dass sich einiges verändert hat. Ihr gastiert regelmäßig in Darmstadt. Was verbindet euch mit der „Centralstation“? Ja, absolut. Die „Centralstation“ war eines der ersten Häuser, in denen wir nach der Umstellung auf das „Jazzschlager“-Repertoire gastierten. Das muss um 1997/98 gewesen sein. Darmstadt war von Anfang an ein Ort, wo wir en suite gespielt haben – also an zwei, drei Abenden hintereinander – und das seither nahezu jährlich. Wir hatten damals bis zu 130 Konzerte im Jahr. Später sind wir auf größere Säle ausgewichen, aber Darmstadt blieb die „erste Liebe“. In der „Centralstation“ war und ist es immer wunderbar. Wir werden dort sehr freundschaftlich aufgenommen, und ich kann mich an keinen einzigen Abend erinnern, der nicht fulminant gewesen wäre. Du bist promovierter Musikwissenschaftler und leidenschaftlicher Plattensammler. Wie hilft dir das beim Finden alter Lieder? Repertoirekenntnis ist hilfreich. Nicht alle Lieder, die einem der Instinkt vorgibt, halten einer genaueren Überprüfung stand. Manchmal muss man sagen: „Das ist nichts für mich.“ Und es ist gut, wenn man das merkt, bevor die Platte rauskommt. Wenn ein Programm abgespielt ist, drücken wir die Reset-Taste und fangen ein komplett neues Repertoire an. Wir halten es immer spannend. Fast drei Jahrzehnte Jazzschlager – was fasziniert dich daran noch? Faszinierend ist, dass es ein Genre ist, das ich mit meinen eigenen Fingernägeln aus dem Sandstein gekratzt habe. Alle tun so, als sei das ein uralter Begriff – dabei habe ich ihn selbst erfunden. Umso schöner, dass sich die Wortschöpfung durchgesetzt hat und heute auch andere Künstler sie benutzen, um etwas Einfaches zu beschreiben: jazzähnliche Musik in deutscher Sprache. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich manche Künstler mit dieser Leichtigkeit noch schwertun – da wünsche ich mir manchmal mehr Mut. Vielen Dank für das Gespräch. Götz Alsmann & Band live: Mi. 17.12. & Do. 18.12., Centralstation, Darmstadt, 20 Uhr ZUR WEBSEITE FACEBOOK | INSTAGRAM
FRIZZ verlost 3x2 Tickets für das Konzert von Götz Alsmann & Band am Mi. 17.12. in der „Centralstation“.
Bitte sende eine E-Mail mit deinem vollständigen Namen und Kontakt an verlosung@frizzmag.de. Betreff: „Götz Alsmann“ Einsendeschluss: 12.12.2025 Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per E-Mail
