©David Gottwald
Kaffkiez
Vom Proberaum in Rosenheim auf große Festivalbühnen: „Kaffkiez“ haben in wenigen Jahren einen bemerkenswerten Weg hingelegt. Mit ihrem neuen Album „Wir“ rückt die Band den Zusammenhalt mit ihren Fans stärker denn je in den Mittelpunkt. Im Gespräch erzählt Keyboarder Johannes Gottwald, wie eng Publikum und Band inzwischen zusammengewachsen sind – und warum sich viele Songs erst live wirklich entfalten. FRIZZ: Ihr kommt aus Rosenheim – also genau aus der Art von Ort, die man im Deutschen gern „Kaff“ nennt. Euer Bandname „Kaffkiez“ spielt ja genau mit diesem Bild zwischen Provinz und Aufbruch. Wie sehr hat euch diese Herkunft geprägt, musikalisch und als Band? Johannes: Schon sehr. Unser Sänger und ich haben uns vor ungefähr fünfzehn Jahren am Gymnasium kennengelernt, haben dann als Teenager unsere erste Band gegründet und zunächst ganz viele, vor allem englischsprachige Coversongs gespielt und erste Aufnahmen im Kinderzimmer gemacht. Wir sind älter geworden und hatten irgendwann keine Lust mehr, auf Bierfesten und Geburtstagen zu spielen. Das führte dann vor ungefähr sechs Jahren zu einem ziemlichen Wechsel: anderer Name, andere Musik, anderer Style: „Kaffkiez“ waren geboren. Wir haben dann den ersten Song geschrieben: „Nie allein“. Und dann ist direkt auf Anhieb eine ganze Menge mehr passiert, als wir zunächst zu hoffen gewagt hatten. Das ging alles Schlag auf Schlag. Wir haben aus diesen Jahren als Coverband in der Provinz als Band eine ganze Menge mitgenommen. Der Song „Keine Stadt“ auf unserem neuen Album erzählt davon, wie es ist, auf dem Land aufzuwachsen und über die Schwierigkeiten, die das mitunter mit sich bringt. Aber schlussendlich leben wir alle wieder hier in der Gegend und es gefällt uns nach wie vor. Wir sind alle ziemliche Familienmenschen. Eure Entwicklung in den letzten Jahren wirkt ziemlich rasant: größere Hallen, größere Festivals, immer mehr Publikum. Gab es für euch einen Moment, in dem ihr gemerkt habt: Jetzt wird das hier wirklich größer als nur ein Bandprojekt unter Freunden? Das war der bereits erwähnte Moment, als wir unseren ersten Song veröffentlicht hatten, würde ich sagen. Mit der Coverband hatten wir vorher so etwa drei- bis vierhundert Insta-Follower und nach unserer Umbenennung und dem Release von „Nie allein“ ist das von jetzt auf gleich durch die Decke gegangen und wir haben sofort gemerkt: „da passiert was ganz Neues!“ Ein weiterer, sehr prägender Moment war, als wir 2022 auf dem „Deichbrand“-Festival gespielt haben. Das war nachts um eins am letzten Tag auf so einer Zeltbühne - eigentlich eher ein Rausschmeißer-Slot und wir hatten echt Muffe, dass niemand mehr kommt. Aber dann war das Zelt rappelvoll mit Tausenden Leuten. Unsere kleine Band hatte sich also schon ziemlich rumgesprochen. Euer neues Album heißt „Wir“. Das klingt nach Gemeinschaft, Zusammenhalt, vielleicht auch nach einem Gegenentwurf zu einer ziemlich individualisierten Zeit. Was bedeutet dieses „Wir“ für euch persönlich – innerhalb der Band, aber auch im Verhältnis zu eurem Publikum? Die Albumproduktion war ja auch mit einer Kampagne verknüpft, die zum Ziel hatte, die Fans beim Produktionsprozess der Platte von Anfang an mit einzubeziehen. Sei es im Musikvideo, oder über eine „Song-Challenge“, bei der Fans einen Song von uns covern konnten oder Strophen unserer Songs ergänzen durften. Mit den Gewinnern sind wir dann ins Studio und haben das dann aufgenommen. Das war also ein großes „Danke“ an die Fans in Form eines Albums. Denn ohne die Fans wäre das alles nicht möglich. Viele eurer Songs haben eine starke Energie, die gerade live sehr gut funktioniert. Denkt ihr beim Schreiben manchmal schon daran, wie ein Song auf der Bühne wirken könnte? Beim Schreiben direkt eher nicht. Gerade auf der neuen Platte sind ja auch einige eher ruhigere und zum Teil experimentellere Sachen drauf. Aber natürlich haben wir schon immer wieder auch Gedanken und Vorstellungen bei einer Produktion, wie das mit einem großen Publikum funktionieren kann. Jetzt, wo die Tour ansteht, sind wir auch entsprechend aufgeregt, weil wir viele der neuen Songs noch nie live gespielt haben und sind gespannt, wie die Leute die neuen Stücke aufnehmen werden. Live-Konzerte scheinen für euch ein zentraler Teil der Bandidentität zu sein. Was passiert auf der Bühne zwischen euch und dem Publikum, das im Studio so gar nicht entstehen kann? Wir sehen uns auf jeden Fall ganz klar als traditionelle Liveband. Da laufen keine Loops oder ähnliches mit, der Sound kommt nur von uns fünf auf der Bühne. Und das soll auch so bleiben. Wenn man ein Album rausbringt, hat man sich mit den Songs in der Regel schon sehr lange beschäftigt und sie vom Schreiben, über Studiosessions, Demos bis zur fertigen Aufnahme, zig mal gehört. Aber live entfaltet ein Lied dann oft nochmal eine andere Dynamik. Mit Publikum kommen da ganz neue Emotionen hinzu, mit denen man vorher überhaupt nicht gerechnet hätte. Ihr seid mit eurer Musik Teil einer jungen deutschsprachigen Indie-Szene, in der Bands wie „Kraftklub“ oder „Provinz“ sehr präsent sind. Fühlt ihr euch als Teil einer solchen Szene – oder entstehen solche Einordnungen eher von außen? Diese Wahrnehmung liegt schon auf der Hand, weil wir alle Songs auf Deutsch schreiben und auf denselben Festivals spielen. Solche Vergleiche kamen auch in unseren Anfangstagen öfter, mittlerweile werden „Kaffkiez“ aber schon als ganz eigenständige Band mit eigenem Sound wahrgenommen. Aber grundsätzlich sehen wir uns schon eher in einer Szene mit den genannten Bands als mit deutschsprachigen Pop-Radio-Acts, klar. Wir haben eher das Problem, dass wir bei Radiosendern weniger Beachtung finden. Aber wir spielen in erster Linie für die Fans, die vor der Bühne stehen. Von daher tangiert uns das nur bedingt. Social Media spielt auch für Bands eine große Rolle – nicht nur zur Promotion, sondern auch für den direkten Kontakt mit den Fans. Wie erlebt ihr diesen Austausch: eher als Chance oder manchmal auch als zusätzlichen Druck? Social Media ist oft Segen und Fluch zugleich. Das Thema kommt auch des Öfteren bandintern auf. Man erreicht die Leute, vor allem auch in Phasen, ohne neue Platte oder Tour. Das ist ein großer Vorteil, auf jeden Fall. Allerdings ist da auch ein gewisser Druck, liefern zu müssen, Output zu generieren. Das ist mitunter recht anstrengend und frisst auch ziemlich viel Zeit. Du bist halt nicht mehr nur Musiker, sondern über die sozialen Medien auch ein Stück weit eine „öffentliche Person“. It’s part of the game - es gehört mittlerweile einfach dazu. Auf der kommenden Tour spielt ihr auch wieder im „Schlachthof“ Wiesbaden – ein Club, der für viele Bands fast schon Kultstatus hat. Ihr wart dort ja auch schon mehrfach zu Gast. Was verbindet ihr mit diesem Ort? Von Wiesbaden selbst habe ich bisher leider immer so gut wie gar nichts gesehen, weil wir auf Tour waren und vor und nach der Show immer nur wenig Zeit war. Mit dem „Schlachthof“ selbst verbinde ich aber durchweg positive Erinnerungen. Der stand auch schon auf unserem allerersten Tourplan vor vier Jahren auf dem Zettel. Damals waren wir ja noch auf Clubtour und haben dort „nur“ im „Kesselhaus“ gespielt. Über die Jahre sind wir dann in die Halle gewechselt und jetzt wieder zurückzukommen und in der großen Halle ausverkauft zu spielen, das ist ein echter „Full Circle-Moment“. Wenn ihr auf euren bisherigen Weg schaut – von den ersten Proben im Rosenheimer Umfeld bis zu großen Festivalbühnen – was hat euch auf dieser Reise am meisten überrascht? Überrascht? Gute Frage. Unter anderem zu sehen, wie schnelllebig die Musikindustrie ist. Da sind in den letzten Jahren so einige Acts an uns vorbeigeschossen, haben aber auch sehr schnell wieder ihren Hype verloren und hatten nur einen großen Moment. Das beschäftigt uns auch. Denn beispielsweise eine so große Tour wie unsere kommende in den Verkauf zu geben, ist ja auch nicht ohne Risiko. Wir sind mittlerweile mit einer ziemlich großen Crew unterwegs, das bringt natürlich auch ein Mehr an Verantwortung mit sich. Dass wir das aber nun schon einige Jahre so machen dürfen und alles sukzessive eher größer wird, sehen wir schon als großes Privileg. Und zum Schluss: Wenn du ein paar Jahre nach vorne schaust – was würdest du dir wünschen, wo „Kaffkiez“ dann steht? Ich möchte da eigentlich demütig bleiben, aber natürlich hat man auch Träume (lacht). Sollte das noch weiter wachsen und wir vielleicht auch mal auf Arena-Level spielen dürfen, dann wäre natürlich eine Show in der Olympiahalle in München für uns ein Riesentraum, der in Erfüllung gehen würde. Aber selbstverständlich sind wir auch absolut happy und dankbar, wenn wir auf unserem jetzigen Stand so weitermachen können wie bisher. Denn das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Vielen Dank für das Gespräch. Weitere Infos unter: WEBSEITE FACEBOOK INSTAGRAM
FRIZZmag präsentiert: Kaffkiez live! Mi. 22.4., 20 Uhr, Schlachthof, Wiesbaden (ausverkauft!) FRIZZ verlost 1x2 Tickets für das restlos ausverkaufte Konzert von „Kaffkiez“ im „Schlachthof“ Wiesbaden. Bitte sende eine E-Mail mit deinem vollständigen Namen und Kontakt an verlosung@frizzmag.de. Betreff: Kaffkiez. Einsendeschluss: 17.4.2026 Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per E-Mail.
