Stahlbildhauer Georg-Friedrich Wolf sieht seine Möglichkeit, im An- und Zupacken. Er sagt: "Täglich hören wir vom Krieg in der Ukraine, täglich diskutieren wir die Aspekte von Unterstützung und Anteilnahme. Als Mensch und Künstler bin ich verpflichtet, aktiv zu werden." Im Frühsommer besuchte der Wahlbensheimer anlässlich eines Skulpturenverkaufs die westukrainische Stadt Lviv (Lemberg) und erlebt die Kriegssituation hautnah. "Im gleichen Atemzug kam ich auf die Idee, dort zu arbeiten." Als Künstler wollte Wolf in der Ukraine etwas erschaffen: "Dort, wo die Geschichte sich begibt, wollte ich ein kleiner Teil davon sein." Wolfs Beitrag sei, Kunst zu machen, "um dem Krieg zu trotzen". Kultur, so bekräftigt der Künstler, erzeuge Identität, Kraft und Zuversicht in der Krise. "Kultur ist es, die uns vom bloßen Überlebenstrieb des Tiers unterscheidet." Er verstehe in diesem Zusammenhang, dass Kunst helfen könne Würde und Hoffnung zu bewahren: "Kunst ist meine Waffe." Mit einem künstlerischen Beitrag in Form einer Stahlskulptur könne er teilhaben, denn "das kann ich und muss ich als Künstler leisten". Die Kontakte zur Stadtverwaltung in Lviv waren fruchtbar, der Bürgermeister lud ihn ein, dort eine mannshohe Skluptur zu erschaffen. Wolf packte also sein Auto mit seinem Equipment voll: "Wie immer bei solchen Aktionen auch nie ohne meinen Schaukelstuhl." Mit seinem Freund Klaus-Dieter Schmitt überquerte er Anfang September die Grenze zur Ukraine. Vorher mussten freilich Formalitäten für den Zoll, die Kontakte zu Kulturbeauftragten und Galerien geknüpft werden und Wolf brauchte etliches an Material. Ein Sammler und Freund, der in Lviv ein Kulturzentrums betreibt, half ihm unter die Arme und organisierte einiges für ihn, so dass Wolf schnell in Lviv vernetzt war. "Die Stadt Lemberg empfing mich mit herzlichem Willkommen, stellte mir einen tollen Ort zur Verfügung, auch einen Kranwagen und informierte Film und Presse", berichtet er voller Begeisterung. Mit Klaus-Dieter Schmitt klapperte er zunächst Schrottplätze ab, die beiden werden fündig und erfuhren, dass Stahl nach wie vor in Lviv produziert wird. Voller Bewunderung für die Ukrainer sagt Bildhauer Wolf: "Ich stellte überall, aber auch an der Stahlproduktion fest, wie wehrhaft die Ukraine ist." Und er erzählt, wie das Leben und der Tod im Alltag nebeneinander stattfindet: "Hier sitzen die Menschen in Cafés und genießen die Sonne oder ein Stück Kuchen und freuen sich, gegenüber hört man einen Trauermarsch einer Musikkapelle, die während einer Beerdigung spielt." Dieses Nebeneinander habe ihn aufgerüttelt und gezeigt, wie in Lemberg - trotz der bedrohenden Kriegssituation - versucht wird, in die Normalität zurückzukommen, einfach "zu leben". Als Sinnbild hierfür fiel ihm David ein: "Ich werde einen „David für Lemberg“ errichten." David, der den großen, mächtigen Goliath besiegt, "eine passgenaue, kraftvolle Metapher auf meine Wünsche für das geschundene Land". Zwar sei David der Kleinere im ungleichen Kampf, "aber mein David soll imposant und präsent dastehen, durchaus nicht zu klein, so meinen auch meine zahlreichen Lemberger Unterstützer". Dann begann er mit seinem Werk mit einer sehr schweren Grundplatte, "die gut justiert und verankert werden musste". Schon richtete er den ersten Träger auf. Dazu ein Stück Eisenbahnschiene, massives Vierkant, starke Armiereisen und reichlich zwanziger Platte. Mit einem skizzierten Konzept, ein paar Anhaltspunkte für Längen und Proportionen. Georg-Friedrich Wolf schwebte vor, dass dieser David "schlank und hoch" werden sollte, "figürlich ja, aber abstrakt figürlich". Aufstrebende Linien, nach unten verjüngt, in der Höhe leicht auseinanderstrebend, dazu Elemente aus Massivplatte als Andeutung von Körperteilen. Das einzige runde Element abstrahiert den Stein, den David schleudern wird. Seine Entschlossenheit, seinen wilden Blick, stilisiert durch pfeilartige, aufstrebend gespreizte Linien aus Moniereisen. Die ganze Körperspannung stehe "für Angriff auf den gemeinen Aggressor, den es zu überwinden gilt". Die Anteilnahme der Passanten beim Entsehen der Skulptur sei großartig gewesen, erzählen die beiden. Mit Händen und Füßen versuchten sie, den interessierten Bürgern das Vorhaben, den "David für Lemberg" zu erklären. Die Menschen bedankten sich, was "mich sehr anrührte", betont Wolf. Überhaupt imponiere ihm dieses standhafte Volk: "Sie gefallen mir, denn sie trotzen den Unbilden, indem sie kraftvoll und mit Zuversicht ihr Leben bestreiten."
©Klaus Mai
Nach fünf Tagen thront ein vollendender "David" - sechs Meter hoch, drei Tonnen schwer - auf dem "Prospektu Shevchenka": "Es war eine tolle Idee, hierher zu kommen", sagt Wolf. Er habe sich an der ukrainischen Avantgarde orientiert. Kubisch und kantig ist die Form, "weil ich den Stahl vor Ort nicht biegen konnte. Nur trennen und zusammenfügen, also schweißen und schneiden." Seine Skulptur passe ins politische wie zivile Leben von Lviv: "Die Menschen strahlen ein pralles Lebensgefühl aus." Niemand frage nach dem Heute oder Morgen. Man erlebe dort den Krieg anders: Im Straßenbild sieht man Einarmige, Einäugige, Menschen, denen ein Bein fehlt. "Du erlebst Invaliden - so begegnest Du dem Krieg." "Täglich, pünktlich um 9 Uhr, hört man durch den Lautsprecher: Ehre den Gefallenen, Ruhm der Ukraine". Es folge eine Schweigeminute, alles stehe still, Autos und Busse hielten an. Alles schweigt: Dies mitzuerleben, sei "total ergreifend" gewesen. Wolf bezeichnet die Menschen als "pragmatisch" - er bewundert, wie sie ausharren, das Kriegsgeschehen aushalten. "Sie müssen sich arrangieren", betont er, könnten keinerlei Ängsten nachgehen - so, wie die Menschen hier in Deutschland, wo man Angst vor Überfremdung habe. In Lviv gelinge das Leben "ganz gut". Vor einigen Wochen bekam Wolf hohen Besuch: Der Bürgermeister von Lviv, Andrij Sadovyy, kam mit Oleksandr Filz, Rektor einer Universität und Andrij Moskalenko in die Landwehrstrasse 75 bis 79, um Wolf in seiner Werkstatt zu besuchen. Es gab Tee von Klaus-Dieter Schmitt und Sadovyy berichtete, dass die Skulptur kontrovers diskutiert werde. Graffitigesprähe inklusive. Wolf freut das, denn "jeder soll sagen, was er will." Alle finden Reaktionen aus der Öffentlichkeit gut, und die sollen durch Gespräche wachgehalten werden.
