Die Fotovernähungen, eine Spezialität wie Erfindung von Annegret Soltau, wirken unmittelbar auf den Betrachter. Sie irritieren unsere Sehgewohnheiten: Wir stehen vor aufgerissenen Körperteilen, klaffenden Wunden, Rissen in Armen und Beinen, alternder Haut mit schlaff herunterhängenden Busen. Aber wir sehen auch junge weibliche Körper mit schönen Beinen, Brüsten, Augen. Die heute neunundsiebzigjährige Künstlerin reißt Innenwelten auf, legt Verletzungen offen und verschließt sie wieder, indem sie mit Verbindungen spielt. Die Bilder machen uns betroffen - und das sollen sie auch. Annegret Soltau setzt sich in ihren Werken mit sich, ihrem Körper, ihrer Biografie, ihrem Paar- und Muttersein als Künstlerin auseinander. Hierfür sammelt sie alles für ihre Person und Identität relevante. Darunter zahlreiche Fotos - nicht nur von sich, auch Fotografien ihrer Tochter, Mutter und Großmutter. Soltau bearbeitet sie, ritzt oder zerreißt sie, um sie neu zusammenzusetzen. Mit grobem, schwarzem Garn näht sie das zerstückelte Fotomaterial wieder zusammen: Unter ihren Händen entstehen Fotocollagen, die gelesen werden wollen, bei denen derKopf der Großmutter auf dem jungen Körper von Soltaus Tochter sitzt oder umgekehrt. Soltaus Werke sind außergewöhnlich, beeindruckend, aufwühlend und ja, auch humorvoll. Dennoch ist es kaum zu glauben, welchen Widerständen sie trotzen musste. Einige ihrer Werke wurden in Ausstellungen einfach abgehängt oder mit Stoff verhängt. Aufsehen erregte vor allem ihr Bild »generativ - Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter« von 1994, aber auch das Werk »Tochter-Pubertät«. Mehrfach waren sie der öffentlichen Zensur ausgesetzt: Der Künstlerin wurde vorgeworfen, ihr Umgang mit dem Medium Fotografie sei »zu radikal«, die Darstellungen des Alterungsprozesses weiblicher Körper wurden als »schonungslos« empfunden, und auch die »Ausblendung des Mannes« bei Soltaus Generationslinie »generativ« gefiel den Kritikern nicht. Zudem sei es ein Tabubruch, wie sie nackte, eben nichtidealisierte Frauenkörper zur Schau stelle. Die Kritik wirkt fadenscheinig, die Zeitungsberichte von damals mit Überschriften wie »Das Bild des Anstosses« oder »Vier nackte Frauen versetzen Dietzenbach in Unruhe« fast lächerlich. Weibliche Angestellte des Landratsamtes, wo das Bild nur kurze Zeit hing, fühlten sich »am Arbeitsplatz sexuell belästigt«, war in den 1990er Jahren in Artikeln zu lesen. Beim Suhrkamp-Verlag wurde gar ein Bild als »Ästhetik des Hässlichen« aus einer Publikation verbannt. Die promovierte Soziologin Farideh Akashe Böhme hatte 1995 Annegret Soltau eingeladen, in deren Buch »Die Auffälligkeit des Leibes« drei ihrer »generativ-Bilder« aufzunehmen, da Böhme die Texte der weiteren namhaften Autorinnen passend dazu fand. »Dieses Buch sollte im Suhrkamp Verlag in der Reihe Gender Studies erscheinen und ich hatte schon den Vertrag vom Verlag sowie auch mein Honorar erhalten.« Dann sei der Chef Siegfried Unseld zufällig durch seine Druckerei gegangen und sah den Andruck. »Er regte sich sehr über meine Bilder auf und schrieb der Autorin: Die bewusst verfolgte Ästhetik der Hässlichkeit der Bilder von Annegret Soltau fände nicht seine Toleranz und stoppte den Druck. Das Buch erschien dann etwas später ohne meine Bilder. Ich fand diesen Vorfall besonders verletzend und fühlte mich missverstanden.« 1946 in Lüneburg geboren, von der Mutter abgelehnt, der Vater galt seit 1945 verschollen, wurde Annegret Soltau von ihrer Großmutter in Elbstorf großgezogen. Nach ihrem Kunststudium, zunächst in Hamburg, später in Wien, kam sie 1973, zusammen mit ihrem Mann, dem Bildhauer Baldur Greiner, nach Darmstadt. Seitdem arbeiten sie beide stringent an ihren Werken, und seitdem setzt sich Annegret Soltau mit dem Abbild ihrer Selbst auseinander, und blieb über all‘ die Jahrzehnte beharrlich, indem sie sich zunächst als gefangene junge Frau, dann als Schwangere, später mit ihren Kindern, mit ihrer Mutter und Großmutter zeigt. Sie berührt damit den Betrachter, der sich gespiegelt sieht. Mit den Vernähungen begann sie 1975, als sie zum ersten Mal einen echten Faden mit ihrem fotografischem Material verband. Diesen schwarzen Zwirn lernte Annegret Soltau als Assistentin bei einem Unfallarzt kennen, wo sie Blut, freiliegendes Fleisch sah, und Wunden mit ebendiesem Garn zunähte. Diese Erfahrung übertrug sie in ihre Kunst, womit ihr intuitiv etwas Großartiges geglückt ist. Zurecht sprechen Kritiker von der »Soltau-Naht«, denn mit dieser eigenständigen Bildsprache hat sie sich etabliert: Annegret Soltau wurde zu einer unverwechselbaren Stimme der so genannten Body-Art. Es ist schlichtweg genial, wie Soltau, durch die Beschäftigung mit sich selbst, ihre Handschrift entwickelt hat, wie sie durch das Zusammensetzen der unterschiedlich alten Frauen ihrer eigenen Generationslinie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verwebt. Wie geschickt sie einzelne Körperpartien der ursprünglichen Fotografie entreisst, mit anderen verbindet und zu neuen Kreaturen komponiert. Sie zeigt damit anschaulich, dass im jungen Menschen die DNA des alten steckt. Sie hinterfragt, was Identität ausmacht, wie sie sich formt: Als Kind fühlte sie sich unverstanden, eingeengt, unterdrückt. Für sie gab es kein Geld, »alles war schwierig«, Soltau war von Zweifeln und Ängsten gequält. Doch der gesellschaftliche Druck der Fünfziger- und Sechzigerjahre widerstrebte ihr so sehr, dass sie früh aufbegehrte. Sie ließ sich nicht in eine Rolle zwängen, stemmte sich gegen alles und jeden, sagt: »Ich wusste, dass es noch etwas gibt, das anders ist.« In der Grafik und Malerei, die sie zwischen 1967 und 1972 bei Hans Thiemann, Kurt Kranz, David Hockney und Rudolf Hausner an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, später an der Akademie der bildenden Künste Wien studierte, fand sie das, was anders war. Mit Fotoarbeiten beschäftigte sie sich von Anbeginn, also schon ab 1967, und als sich die Frauenbewegung aus der Studentenrevolte heraus entwickelte, zeigte sich Soltau nackt und erklärt: »Ich wollte mich zeigen, wie ich bin.« Damit führte sie die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des Menschen vor Augen, und, in welchen Zwängen er steckt. In einer weiteren Werkgruppe sind es Fäden, die sie zeichnerisch, dann auch haptisch um ihr Gesicht und ihren Körper spannte. Daraus muss sich der Mensch lösen, also schnitt sie sich los: So brach sie aus und mit Konventionen. Ihre radikale wie konsequente Auseinandersetzung mit der weiblichen Existenz, gesellschaftlichen Prozessen und Debatten gehören untrennbar zu ihr und ihrem Werk. Damit trifft sie den Nerv: Denn »zwei Generationen später hat es sich zum Glück verändert, für die heutigen jungen Künstlerinnen sind diese Themen jetzt hochaktuell, ich erfahre momentan viel Zuspruch, das hat meine Retrospektive im Städel-Museum in Frankfurt gezeigt.« Annegret Soltau ist eine internationale Größe, sie zählt zu den bedeutendsten feministischen Künstlerinnen der Gegenwart. Ihre Werke werden weltweit ausgestellt. Die Arbeit »Personal Identity« - die im Sommer mit rund 80 weiteren Werken im Städel in einer eindrucksstarken Schau gezeigt wurde, trägt soweit alles in sich, was die Künstlerin im Laufe ihres Lebens durchlaufen und gebraucht hat: Darunter finden sich Geburtsurkunde, Pass, Zeugnisse, Dokumente, Fotografien. »Wenn es soweit ist«, kommentiert Annegret Soltau diese Arbeit, »näht meine Tochter dann noch die Sterbeurkunde ein.«
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©Annegret Soltau
Annegret Soltau
»generativ-TochterMutterGroßmutterUrgroßmutter«, Fotovernähung, 1994, Vorderseite, Maße: 60 x 80 cm
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©Annegret Soltau
Annegret Soltau
Rückseite
Am 16. Januar 2026 feiert Annegret Soltau ihren achtzigsten Geburtstag. Im Rahmen der World Design Capital FrankfurtRheinMain 2026 eröffnet im Kunstforum der TUD am 17. Januar, um 18 Uhr, die Ausstellung »Annegret Soltau - Vatersuche«. Diese Schau ist bis 7. Juni 2026 zu besichtigen. WEBSEITE INSTAGRAM
