»Jetzt keine siebzig zu werden« wäre das größte Geschenk, wenn er am 15. März seinen 70. Geburtstag feiert. Aus diesem Anlass findet am 31. März im Literaturhaus Darmstadt eine Veranstaltung zu seinem Werk statt. FRIZZmag sprach mit dem renommierten Autor. FRIZZmag: Lieber Kurt, seit ziemlich genau 30 Jahren wohnst du in Darmstadt. Ist Darmstadt zu deiner zweiten Heimat geworden? Kurt Drawert: Der Heimatbegriff ist sehr belastet und nur schwer zu gebrauchen. Früher hätte ich gesagt: die einzige Heimat, die ich kenne, ist meine Sprache. Das war die richtige Antwort, als ich aus der DDR kam. Mit dem Älterwerden änderte sich das. Heimat empfinde ich heute vor allem als Landschaft, und da sind die frühen Jahre der Kindheit sehr prägend, die ich an der Havel nördlich von Berlin verbracht habe. In Darmstadt lebe ich nun fast die Hälfte meines Lebens, und natürlich ist mir die Stadt und die wunderschöne Landschaft, von der sie umgeben ist, auch zur Heimat geworden, zur Heimat meiner Arbeit als Schriftsteller, und dann sind wir schon auch wieder dort, wo ich sagte, die Sprache ist meine Heimat. Die Kreise schließen sich, ohne dass eine Linie wieder mit ihrem Anfang beginnt. Du bist in Hennigsdorf geboren, mit 11 Jahren nach Dresden gezogen und dort aufgewachsen. Was verbindet dich heute mit Dresden? Dazu habe ich einen Roman geschrieben, der »Dresden. Die zweite Zeit« heißt und 2020 erschienen ist. Ich glaube, da steht so ziemlich alles dazu geschrieben, ich mache also auch ein wenig Werbung gerade. Anlass war ein Stadtschreiber-Stipendium 2018, das mir die Möglichkeit bot, genau das zu erfahren, was es heißt, nach einem halben Jahrhundert an einen Ort zurückzukommen, der für mich der vielleicht schwierigste war und sich mir recht schmerzhaft ins Gedächtnis eingeschrieben hat. Ich will hier keine Details aufrufen, das führte zu weit, und dafür schreibt man ja Bücher. Aber interessant war, wie sich mir die Vergangenheit immer wieder aufgedrängt hat und ihre Bilder und Szenen die Gegenwart überzeichnet haben, als wären sie ganz aktuell und gerade eben passiert. Zeiterfahrung und chronometrische Zeit sind zwei verschiedene Systeme, die nicht zusammen gedacht werden können. Alles ist vergangen und gleichzeitig lebendig, auch affektiv und emotional, das war die wichtigste Erfahrung. Dass es keine Ab- und Einschlüsse subjektiver Erfahrungen gibt und dass die tiefsten und entlegensten Bezirke des Erinnerns sich vorschieben und Aktualität beanspruchen können. Deine erste Begegnung mit Darmstadt war anlässlich des Leonce-und-Lena-Preises 1989? Welche Erinnerungen hast du an den März 1989, die Mauer war ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefallen? Nein, die erste Begegnung mit Darmstadt hatte ich knapp ein Jahr zuvor, als ich Karl Krolow besuchte, um mit ihm ein Gespräch für eine Werkausgabe bei Reclam zu führen, die ich edieren durfte. Das waren unbeschreiblich intensive Momente. Über ihn erfuhr ich vom Leonce-und-Lena-Wettbewerb, zu dem ich dann eingeladen wurde. Im März 1989, zusammen mit Grünbein und Schedlinski, der mir später als IM Gerhard wiederbegegnet ist. Es war eine politisch sehr aufgeheizte Situation, mit uns drei DDR-Autoren, die zum ersten Mal bei einem Wettbewerb im Westen waren. Und die Mauer war noch immer eine Metapher für die Ewigkeit, die dann bekanntlich in kürzester Frist ihr Ende erreichte. Davon aber war im Frühjahr 89 noch nichts zu spüren, gar nichts. Und wir hatten ernsthaft auch daran gedacht, im Westen bleiben, meine heutige Frau und ich, das hatten wir schon etwas geplant, da sie schwanger war und wir nur diese eine Möglichkeit gemeinsam hatten. Dass ich dann auch noch den Preis gewann und damit augenblicklich bekannt geworden bin, war im Grunde der Anfang, auch für eine Geschichte, die in Darmstadt begann und mich mit Darmstadt verbindet. Warum wir dann dennoch zurück sind, wird hier zu komplex, das lassen wir jetzt weg. Dein Weg führte dann schnell in den Westen und sehr bald nach Darmstadt. Warum Darmstadt und nicht z.B. Rom oder Worpswede? Nach dem Leonce-und-Lena-Preis erschien 1990 bei Suhrkamp mein erster Gedichtband »Privateigentum«. Unterdessen war das Land offen, wir konnten reisen, ich bekam Stipendien, Preise, unser Sohn war geboren, es war eine atemlose Zeit, in der wir aus Kisten und Koffern lebten und hauptsächlich im Auto. Oder ich war allein, weil das nicht anders ging, und dann verpasste ich, wie mein Sohn größer wurde. Ich hatte viele Möglichkeiten, bin, als Schriftsteller, offen und mit großer Anerkennung empfangen worden, das war schon großartig. Aber auch das hatte einen Preis, nämlich ein fragmentarisches Leben zu führen, über die Stationen meiner Stipendien, München, Worpswede, Stuttgart, Rom. Und dann, nach einer Lesung am Staatstheater Darmstadt, nachdem ich 1993 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewann, kam Peter Benz auf mich zu, den ich vom Leonce-und-Lena-Preis 1989 her schon kannte, und erkundigte sich sehr wohlwollend nach uns. Das war die Initiation für Darmstadt, einer kulturell so aufgeladenen Stadt, nach einem Jahr Villa Massimo in Rom hierher zu ziehen. Und ich sage es ohne Pathos: Es war, nach vielen Jahren herumgereicht werden und einem Land im Rücken, das nicht mehr existierte, außer im Schmerz, über den ich auch geschrieben habe, ein Geschenk. Wird man auch darüber noch lesen können? Ja, wenn ich noch etwas Zeit dafür bekomme. Ich arbeite seit Jahren an einer Trilogie. »Die Leipziger Jahre«, so der Titel meines nächsten Romanes, der »Dresden. Die zweite Zeit« formal fortsetzt und ebenfalls autobiografisch grundiert ist. Hier erzähle ich von der Zeit der 1980er Jahre in Leipzig, wo ich Schriftsteller wurde, was immer das heißt. Die Entstehung und Bedeutung von Literatur und Kunst vor dem Hintergrund einer Diktatur interessiert mich daran hauptsächlich, welcher Überschuss an Sinn produziert wird, wenn die Zeichen verboten oder zensiert werden, und wie sie gerade das produzieren, was verhindert werden soll. Man entkommt seiner Vergangenheit ja nicht, dann kann man sie auch gleich erzählen. Aber man erzählt natürlich immer etwas anderes dabei, das größer und wichtiger ist als man selbst. Du kümmerst dich seit über 25 Jahren um den literarischen Nachwuchs. Die von dir gegründete Darmstädter Textwerkstatt und das Zentrum für neue Literatur haben mindestens national ein hohes Renommee. Wie groß ist der damit verbundene organisatorische Aufwand und welche Unterstützung bekommst du? Wir können hier etwas machen, das, soweit ich sehe, einmalig ist und im gesamten deutschen Sprachraum wahrgenommen und genutzt wird. Wir bekommen Bewerbungen von überall her, im letzten Jahr sogar aus Italien oder der Schweiz. Das Wunderbare daran ist, dass ich ein so hohes Textniveau durchsetzen kann und starke Begabungen finden und fördern. Man sieht es später, wenn sie dann publizieren oder Preise bekommen oder schon publiziert und bekommen haben. Natürlich macht das viel Arbeit, zumal die Textwerkstatt ja immer größer und damit auch komplexer zu verwalten geworden ist. Aber ich bekomme von der Stadt, ohne deren großartige Literaturförderung gar nichts gehen würde, immer auch zuverlässige und engagierte Unterstützung. Anders ginge es ja auch nicht, und niemand, der das nicht zu schätzen und zu würdigen weiß. Wenn du dir zum Geburtstag wünschen könntest, etwas nicht mehr tun zu müssen, was wäre das? Keine Umsatzsteuervoranmeldungen mehr ausfüllen zu müssen. Und was wäre das größte Geschenk für dich? Jetzt keine siebzig zu werden. WEBSEITE
Kurt Drawert Vita: *15.3.1956 in Hennigsdorf (Brandenburg), verheiratet, 2 Söhne. Kindheit in Borgsdorf und Hohen-Neuendorf (bei Berlin), 1967 Umzug nach Dresden, Ausbildung zum Facharbeiter für Elektronik, 1982-1985 Studium am Institut für Literatur, Leipzig, 1984 Umzug nach Leipzig, 1996 Umzug nach Darmstadt. Seit 1998 Leiter der Darmstädter Textwerkstatt, seit 2004 Leiter „Zentrum für neue Literatur“, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste.
Aktuelle Publikationen von Kurt Drawert: zuletzt: »Alles neigt sich zum Unverständlichen hin.« Langgedicht, C. H. Beck, München 2024, Hardcover, 175 S., 21,95 Euro, ISBN: 978-3-406-69801-9 Februar 2026: »Dresden. Die zweite Zeit.« Roman, Softcover, C. H. Beck, München, 294 S., 18 Euro, ISBN: 978-3-406-84605-2 »Nach Osten ans Ende der Welt / America Metaphern«, 2 Erzählungen, axel-dielmann Verlag, Frankfurt a. M., Hardcover mit Lesebändchen, 104 S., 22 Euro, ISBN: 978-3-86638-075-2 »Das Gegenteil von gar nichts. Die Stücke«, axel-dielmann Verlag, Frankfurt a. M., Klappenbroschur, 364 S., 22 Euro, ISBN: 978-3-86638-076-9
