Seit mehr als einem Jahrzehnt verbirgt Lambert sein Gesicht hinter einer sardischen Stiermaske – und hat gerade dadurch eine der markantesten Künstlerfiguren der deutschen Musiklandschaft geschaffen. Auf seinen neuen Album „I Am Not Lambert“ wird die Grenze zwischen Kunstfigur und Mensch nun durchlässiger. Im Gespräch mit FRIZZ spricht Lambert über Anonymität, seine Jazz-Wurzeln, den Wechsel zu „Clouds Hill“ und neue musikalische Freiheiten. FRIZZ: Dein neues Album heißt „I Am Not Lambert“. Nach mehr als zehn Jahren unter diesem Namen klingt das fast wie eine kleine Identitätskrise. Wer oder was ist Lambert für dich heute – eine Kunstfigur, ein Schutzraum, ein Alter Ego oder längst ein Teil von dir selbst? Lambert: Es ist natürlich eine Mischung aus all dem. Ursprünglich war Lambert für mich eine Möglichkeit, mit meinem Lampenfieber umzugehen. Dann habe ich gemerkt, welche Freiheit darin liegt, nicht diesem Authentizitätsdruck zu erliegen, sondern eine Rolle zu haben, die ich formen kann, ohne mein Innerstes als Ware anbieten zu müssen. Gerade im Zeitalter von Social Media finde ich das noch immer aktuell.Gleichzeitig frage ich mich inzwischen, ob mir diese Figur manchmal auch im Weg steht. Ich bin ausgebildeter Jazzpianist und bei unseren Konzerten improvisieren wir mittlerweile sehr viel. Je mehr ich mich darin verlieren möchte, desto öfter merke ich: Die Maske behindert mich dabei manchmal eher. Das Cover spielt ebenfalls mit dieser Frage. Die Maske ist nicht mehr einfach das undurchdringliche Versteck, gleichzeitig enthüllst du dich aber auch nicht wirklich. Möchtest du inzwischen mehr von dem Menschen hinter Lambert zeigen, ohne das Geheimnis ganz aufzugeben? Ja, wahrscheinlich schon. Trotzdem hänge ich an der Figur und merke immer wieder, wie viel Sicherheit sie mir gibt. Andererseits lasse ich heute deutlich tiefer blicken. Im gemeinsamen Podcast „LK Jazz“ spreche ich beispielsweise jede Woche mit Felix Weigt von der „Höchsten Eisenbahn“ über unsere gemeinsame Leidenschaft für Jazz. Auch bei Konzerten nehme ich die Maske mittlerweile manchmal ab. Früher wäre das undenkbar gewesen – da habe ich mich im Backstage versteckt und bin nicht einmal zum Merch gegangen. Aber Lambert ist inzwischen zwölf oder dreizehn Jahre alt und natürlich habe auch ich mich verändert. Eine gewisse Unsicherheit, die ich mit der Maske auffangen konnte, hat sich über die Jahre gelegt. Heute finde ich es völlig in Ordnung, mich gelegentlich zu zeigen. Die Figur und die Maske möchte ich trotzdem behalten. Gleichzeitig ist Anonymität heute fast ein Luxus. In einer Welt aus Selfies, Social Media und permanenter Selbstinszenierung kannst du die Maske abnehmen und weitgehend unerkannt durchs Leben gehen. Genießt du diese Freiheit heute vielleicht mehr denn je? Auf jeden Fall. Ich kenne viele Kollegen aus dem Showgeschäft, die sich schon relativ früh beobachtet fühlen, obwohl sie keine Megastars sind. Darüber musste ich mir deutlich weniger Gedanken machen, und für das Privatleben ist das natürlich sehr angenehm. Die Maske bleibt deshalb auch mein Wiedererkennungsmerkmal und ein Teil meiner musikalischen Sprache. Gleichzeitig hat sie heute Nachteile: Der Algorithmus ist mittlerweile gewissermaßen auf menschliche Haut und vermeintliche Authentizität programmiert. Als ich anfing, war ich von der Mystik der Indie-Bands der Nullerjahre geprägt – nicht zu viel zeigen, eine geheimnisvolle Aura schaffen, damit die Leute Fragen stellen und mehr wissen wollen. Dieser Wert ist der Popkultur mittlerweile fast völlig abhandengekommen. Lambert ist davon aber stark geprägt und passt diesbezüglich vielleicht einfach nicht mehr perfekt in die heutige Zeit. „I Am Not Lambert“ wirkt musikalisch offener als deine früheren Alben. Stimmen, Pop, Elektronik, Jazz und experimentelle Elemente bekommen viel Raum. War diese Öffnung eine bewusste Entscheidung oder hat sie sich während der Arbeit am Album entwickelt? Für mich ist die Zusammenarbeit mit Sängerinnen und Sängern gar keine so große Neuerung. Kurz vorher hatte ich Goodwins Album produziert, mit Dekker habe ich schon vor längerer Zeit ein gemeinsames Album gemacht und auch meine früheren Bands waren stark von Songwriting und Pop geprägt. Selbst meine instrumentale Musik war eigentlich immer sehr vom Songwriting beeinflusst. Es kann sein, dass diese Seite jetzt offensichtlicher wird und ich auch meine Jazz-Einflüsse stärker zulasse. Die habe ich zu Beginn meiner Karriere als Lambert eher versteckt. Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Jazz ist meine liebste Musik und die Art, wie ich Musik verstehe, denke und gelernt habe. Wo sollte ich das offensiver zeigen, wenn nicht in meiner eigenen Kunst? Solche Gedankenströme haben sicher dazu beigetragen, dass das Album jetzt so klingt, wie es klingt. Mit den bereits erwähnten Dekker, Goodwin und auch Kat Frankie hast du sehr unterschiedliche Gäste eingeladen. Was muss eine Stimme oder Persönlichkeit mitbringen, damit du denkst: Genau diese Person gehört zu diesem Stück? Erst einmal muss mir natürlich die Musik gefallen. Bei Rob Goodwin hatte ich beispielsweise ein Instrumental, das schon ziemlich süßlich klang. Ich dachte, das braucht ein Gegengewicht, das aktiv dagegen arbeitet. Da fiel mir Robs Stimme ein, weil sie sofort eine eigene Ästhetik mitbringt und dieses Süßliche aufnehmen, aber gleichzeitig auch dagegenhalten kann.Mit Kat Frankie wollte ich wiederum einfach unbedingt zusammenarbeiten, weil ich Fan bin. Zum Glück hat sie zugesagt und dann haben wir hier gemeinsam den Song geschrieben. Manchmal ist es tatsächlich so einfach. Aus journalistischer Perspektive wird vielleicht gerne das große Konzept erwartet, aber manchmal ist Musikmachen eben auch nicht mehr, als gemeinsam im Studio zu sitzen und Musik zu machen. Bei Dekker war es wieder anders: Das Stück ist tatsächlich ein Überbleibsel unserer gemeinsamen Tour von 2018. Wir hatten es damals fürs Live-Set entwickelt und anschließend völlig vergessen. Jahre später mussten wir im Internet nach einem alten Konzertvideo suchen, um unseren eigenen Song wieder nachvollziehen zu können. Jetzt ist er auf dem Album gelandet. Auf „Spirit“ hören wir erstmals deine eigene Stimme sehr prominent – wenn auch durch einen Vocoder verfremdet. Wie groß war die Überwindung, sie tatsächlich auf einer Lambert-Platte zu veröffentlichen? Eigentlich war das nur als Demo gedacht. Ich wollte, dass später jemand anderes singt und richtige Lyrics dazukommen. Was ich da singe, ist eher eine Art Gibberish, durch den Vocoder gezogen. Es sollte den anderen zunächst nur zeigen, wie ich mir das Stück ungefähr vorstelle. Als das Album fertig war, war „Spirit“ noch übrig, wir haben es uns angehört und gedacht: Eigentlich klingt das doch gut, warum lassen wir es nicht einfach so? Ganz neu ist Gesang für mich ohnehin nicht. Ich habe auf meinen Alben schon Chöre gesungen, für „Unter meinem Bett“ ein Kinderlied aufgenommen und früher in Popbands Backing Vocals gemacht. Es war auf meinen eigenen Alben nur noch nie so präsent. Englische Songtexte selbst zu schreiben und zu singen, würde ich mir dagegen nicht zutrauen – das können andere besser. Deshalb stammen auch die Texte der anderen Stücke jeweils von den Gastkünstlern selbst. Das neue Album ist erstmals bei „Clouds Hill“ erschienen. Johann Scheerer hat dort weit mehr als ein klassisches Label aufgebaut. Was hat für dich den Ausschlag gegeben, mit „I Am Not Lambert“ dorthin zu wechseln? Ich war vorher acht Jahre bei „Universal“ in England, bei „Mercury KX“, und hatte dort wirklich gute Jahre. Aber bei den großen Labels gab es massive Entlassungswellen und Umstrukturierungen. Als ich dort anfing, hatte man zuverlässige Ansprechpartner, die einen kontinuierlich begleitet haben. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass davon immer mehr weggekürzt wurde. Als „I Am Not Lambert“ im Grunde fertig, aber noch ungemischt war, kam Johann ins Spiel. Er hat eine große Liebe zum Audiophilen und bei einem Indie-Label wie „Clouds Hill“ gibt es mehr Gestaltungsspielraum – auch dabei, wie eine Platte aussieht und welchen Stellenwert beispielsweise die LP bekommt. Beim Major lag der Fokus zuletzt sehr stark auf Streaming, Johann hat da einen anderen Ansatz. Seit meinem Wechsel sind wir regelmäßig über die Veröffentlichung im Austausch und das wurde bei „Clouds Hill“ wirklich gut aufgefangen. Auf „I Am Not Lambert“ sind Stimmen stärker präsent als zuvor. Auf Tour könnt ihr die Gastsängerinnen und -sänger aber natürlich nicht alle mitnehmen. Wie übersetzt ihr das Album in das Live-Format? Wir sind live zu dritt: Felix Weigt von der „Höchsten Eisenbahn“ am Kontrabass, Luca Marini am Schlagzeug und ich am Klavier. Felix kenne ich schon aus der Schule und Luca seit meinem Studium in Amsterdam – wir machen also seit fünfundzwanzig Jahren oder länger miteinander Musik und sind wirklich sehr gut eingespielt. Auf die Stimmen werden wir größtenteils verzichten müssen, wobei es durchaus sein kann, dass bei einzelnen Konzerten Gäste dazukommen. Unsere Aufgabe als Trio ist es, die Stücke so aufzuarbeiten, dass sie wiedererkennbar bleiben, aber auch ohne die Stimmen funktionieren. Bei „Spirit“ haben wir beispielsweise eine Live-Version gefunden, die als Trio sehr gut funktioniert. Von der Besetzung her sind wir ein klassisches Jazz-Trio, auch wenn wir alle einen starken Hintergrund in der Popmusik haben. Und damit ist live unglaublich viel möglich. Improvisation spielt live bei euch eine große Rolle. Wie viel eines Lambert-Konzerts ist eigentlich festgelegt – und wie viel entsteht erst im Moment, abhängig vom Raum, vom Publikum und eurer eigenen Stimmung? Der Raum spielt tatsächlich eine sehr große Rolle und das lassen wir mittlerweile ganz bewusst zu. Wir haben uns von dem Gedanken freigemacht, dass ein Stück so klingen muss, wie wir es einmal aufgenommen haben. Gerade bei den Improvisationen gibt der Raum vor, was überhaupt möglich ist. Vereinfacht gesagt: Je größer der Hall, desto länger werden die Noten, weil kurze, schnell aufeinanderfolgende Töne sonst irgendwann verschwimmen. Auch beim Schlagzeug muss man darauf reagieren, welche Frequenzen im jeweiligen Raum besonders herausstechen. Genau diese Herausforderung lieben wir. Wir gehen nicht auf die Bühne, um uns als Sklaven einer Veröffentlichung zu verstehen, sondern fragen uns: Was können wir heute hier mit dieser Musik anstellen? Die Setlist verändert sich dabei gar nicht unbedingt so stark, unsere Spielweise aber schon. In der „Centralstation“ kann dadurch ein völlig anderes Konzert entstehen als beispielsweise in der Tonne in Dresden mit ihren niedrigen Decken – obwohl wir vielleicht dieselben Stücke spielen. Je mehr wir diese Freiheit zulassen, desto mehr habe ich das Gefühl, dass auch das Publikum sie schätzt. Die Leute merken, dass etwas gerade in diesem Moment und nur an diesem Ort entsteht. Und für uns schaltet dadurch der Autopilot aus. Genau das macht für mich inzwischen den Spaß aus, jeden Abend wieder auf die Bühne zu gehen. Vielen Dank für das Gespräch.
Lambert live:
>> Do., 24.9., Centralstation, Darmstadt, 20 Uhr
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