Vor zwanzig Jahren gründeten sich „OK Kid“ als „Jona:S“ in Gießen, heute zählen sie zu den prägenden deutschsprachigen Indie-Bands ihrer Generation. Im Gespräch mit FRIZZ spricht Schlagzeuger/Gitarrist Raffael „Raffi“ Kühle über die DIY-Anfänge in Mittelhessen, das eigene Festival „Stadt ohne Meer“, das neue Album „Komm, wir bleiben stehen“ – und darüber, warum sich die Band aktuell trotz zweier Jahrzehnte Bandgeschichte wieder ein Stück weit wie am Anfang fühlt. FRIZZ: Ihr habt euch 2006 in Gießen gegründet, damals noch unter dem Namen „Jona:S“. Viele erfolgreiche deutsche Bands kommen nicht aus Berlin, Hamburg oder Köln, sondern aus eher provinziellen Regionen. War Gießen für euch eher Sprungbrett oder Hindernis?
Raffi: Eigentlich beides. In Gießen war es so: Wenn man selber nichts auf die Beine gestellt hat, dann gab es auch nichts. Es gab ein Jugendzentrum, ein paar Auftrittsmöglichkeiten – und das war’s. Gleichzeitig hat uns genau das geholfen. Wir mussten Konzerte selbst organisieren, Strukturen aufbauen und uns vieles selbst beibringen. Dieses Learning by Doing hat uns bis heute geprägt. Für die Langlebigkeit eines Projekts ist es enorm wertvoll, wenn man jeden Schritt von Anfang an selbst gegangen ist. Mit der Umbenennung in „OK Kid“, dem Umzug nach Köln und dem Debütalbum begann dann der eigentliche Karriereschub. Wie erinnerst du dich an diese Zeit?
Das war totale Aufbruchsstimmung. Wir haben damals beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen und gemeinsam nach Köln zu ziehen. Aus fünf Bandmitgliedern wurden drei, und plötzlich drehte sich alles nur noch um die Musik. Wir haben unglaublich viel gespielt, Festivals gemacht, Touren gefahren und praktisch rund um die Uhr für die Band gearbeitet. Rückblickend war das körperlich völlig verrückt, aber auch eine wahnsinnig spannende Zeit. Für das erste Album hat man sein ganzes bisheriges Leben Zeit – und genau dieses Gefühl steckt darin.
2018 habt ihr mit „Stadt ohne Meer“ euer eigenes Festival gegründet. Wie kam es dazu?
Wir wollten unbedingt wieder in Gießen spielen, hatten aber das Problem, dass es dort für unsere Größenordnung keine passende Location gab. Also entstand die Idee, einfach selbst eine Bühne hinzustellen. Daraus wurde schnell die Überlegung, weitere Bands einzuladen und ein eigenes Festival daraus zu machen. Uns hat in Gießen immer ein gut kuratiertes Festival gefehlt – ein Ort, an dem man bekannte und unbekannte Acts entdecken kann und an dem die Atmosphäre wichtiger ist als Sponsorenbanner. Genau diese Lücke wollten wir schließen.
Was hat euch die Rolle als Festivalveranstalter über das Musikgeschäft beigebracht? Vor allem, wie komplex Veranstaltungen eigentlich sind. Als Band sieht man oft nur den Auftritt. Wenn man selbst organisiert, merkt man plötzlich, wie viele kleine Zahnräder ineinandergreifen müssen – von Hotels über Infrastruktur bis hin zu Genehmigungen. Das hat unseren Blick auf Veranstalter definitiv verändert. Gleichzeitig haben wir irgendwann gemerkt, dass unsere Zeit begrenzt ist. Musik kann niemand für uns machen, einen Toilettenwagen buchen dagegen schon. Deshalb haben wir uns aus der operativen Organisation zurückgezogen.
Ende Mai habt ihr beim diesjährigen „Stadt ohne Meer“-Festival gleichzeitig die Release-Show für „Komm, wir bleiben stehen“ gefeiert. Was steckt hinter dem Album?
Das Album ist entstanden, weil wir uns bewusst aus diesem ständigen Zyklus aus Schreiben, Veröffentlichen und Touren herausgenommen haben. Zum ersten Mal seit langer Zeit haben wir Musik gemacht, ohne Zeitdruck und ohne konkreten Plan. Wir wollten herausfinden, wer wir heute als Band sind, was wir überhaupt noch erzählen wollen und welche Rolle Musik für uns spielt. Das Ergebnis fühlt sich für uns so identisch an wie lange kein Album zuvor. Es ist genau die Platte, die wir in diesem Moment machen wollten.
Viele eurer Songs beschäftigen sich mit Heimat, Identität und gesellschaftlichen Veränderungen. Wenn du heute auf Deutschland blickst – siehst du ein anderes Land als zu euren Anfangstagen Mitte der 2000er?
Absolut. Als wir angefangen haben, gab es noch keine „AfD“. Natürlich gab es bestimmte Strömungen schon damals, aber nicht in dieser Form und nicht mit dieser gesellschaftlichen Präsenz. Diese Entwicklungen beschäftigen uns sehr. Auf den frühen Alben ging es oft stärker um den Blick nach innen, um persönliche Themen. Heute spielen gesellschaftliche und politische Fragen eine viel größere Rolle. Wir leben in einer Welt, die sich teilweise fast dystopisch anfühlt. Das kann man aus Musik kaum noch ausklammern.
Ende August seid ihr beim „Trebur Open Air“ zu Gast. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Für uns beginnt gerade eine neue Phase. Wir haben unsere Live-Besetzung umgebaut und vieles neu gedacht. Dadurch fühlt sich vieles wieder ein bisschen wie am Anfang an. Die Shows haben eine neue Dynamik, wir können mit ganz anderen Möglichkeiten arbeiten und haben selbst wieder dieses Gefühl, etwas neu zu entdecken. Darauf freuen wir uns gerade enorm.
Das „Trebur Open Air“ begleitet die Region seit über drei Jahrzehnten. Gleichzeitig kämpfen viele kleinere und mittlere Festivals mit steigenden Kosten und schwierigen Rahmenbedingungen. Wie blickst du auf diese Entwicklung?
Der Druck wird definitiv größer. Viele Festivals versuchen mit viel Leidenschaft etwas Besonderes auf die Beine zu stellen und stehen dabei immer stärker unter wirtschaftlichem Druck. Gleichzeitig steigen Gagen und Produktionskosten. Das macht es gerade für unabhängige Festivals schwer. Umso wichtiger sind Veranstaltungen mit einer klaren Identität und einem Publikum, das Vertrauen in die Arbeit der Veranstalter hat.
Worauf dürfen sich „OK Kid“-Fans in den kommenden Monaten freuen?
Auf jeden Fall darauf, dass es weitergeht. „Komm, wir bleiben stehen“ war kein Album nach dem Motto: Jetzt machen wir erst mal lange Pause. Im Gegenteil. Die Resonanz war unglaublich positiv und wir haben gerade große Lust, diesen Schwung mitzunehmen. Wir haben als Band eine sehr gute Zeit – und das wird sich sicher auch in neuer Musik bemerkbar machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
OK Kid live:
>>Sa. 25.7.26, Trebur Open Air
Weitere Infos unter: WEBSEITE | FACEBOOK | INSTA
FRIZZ verlost 3x2 Tickets für das „Trebur Open Air“
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Einsendeschluss: 19.7.2026. Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per E-Mail.
