©Nadine Bohland
Wolfgang Seeliger
Wieso nicht ausnahmsweise mal eine komplette Bühne auf den Steg des Woogs einfliegen lassen, Elton John für ein Konzert ins Stadion holen oder gleich eine eigene Konzertreihe ins Leben rufen? Für das kulturelle Angebot in Darmstadt gibt der Dirigent Wolfgang Seeliger alles. Dabei eckt der heute 80-Jährige immer wieder an. Eine gute Work-Life-Balance hatte Wolfgang Seeliger rückblickend wohl nie. Für die Musik hat der Darmstädter Dirigent und Chorleiter immer alles gegeben: „Ich habe eine Kondition wie ein Ross. Ich bin sehr dankbar“, sagt Seeliger, der oft betont, wie viel Glück er im Leben gehabt habe. Täglich arbeite er bis zu 20 Stunden, sieben Tage die Woche. Mit wenig Schlaf auszukommen, sei für ihn ein „Geschenk Gottes“. Regenerieren könne sich der 80-Jährige, der ursprünglich nie nach Darmstadt kommen wollte, schnell. Diese Begabung stecke hinter seinem Tatendrang.
Während Seeliger spricht, trommelt er immer wieder mit den Fingern auf den hölzernen Tisch seines imposanten Büros im Martinsviertel oder lässt die Aktenklammer seines Ordners klickend durch die Hände gleiten. Ein stiller Mensch ist der Dirigent nicht, temperamentvoll dagegen umso mehr.
Der Wahl-Heiner, der seine Karriere in Salzburg begann und mit Karajan und Bernstein zusammenarbeiten durfte, beschreibt sich als enthusiastisch. Zielgerichtet und empathisch sei er - ein Mensch, der andere begeistern und führen könne. Als Dirigent müsse man Widerstände überwinden können. Ihm gelinge das durch Begeisterung. „Du musst mit deinem Können überzeugen, damit die anderen tun, was du möchtest“, verrät Seeliger eine seiner Strategien. Dafür müsse man aber auch von sich selbst überzeugt sein.
Dass nicht jeder so tickt wie er, sei ihm bewusst. In all den Jahren seines kulturellen Engagements habe er in Darmstadt viele ehrenamtliche Menschen „verschlissen“. Die finanziellen Gegebenheiten hätten ihn dazu gezwungen. Geld für seine Projekte sei stets knapp gewesen. Nur durch ehrenamtliche Helfer konnten sie gestemmt werden. Dass manche unter diesen Bedingungen hingeschmissen hätten, sei kein Wunder. Für seine Projekte habe er immer gekämpft und die Politik mit seinen verrückten Ideen regelrecht gestört: „In Salzburg war vieles selbstverständlich, in Darmstadt bin ich als Ideenlieferer für einige unbequem“, erklärt Seeliger.
Darin liege ein wesentlicher Unterschied zwischen seinem ersten Leben als Maestro in vielen Ländern Europas und seinem zweiten in Darmstadt. 1975 kam Seeliger als Zweiter Kapellmeister ans Hessische Staatstheater. Darmstadt ließ ihn seitdem nicht mehr los. Kritik an der dortigen Kulturarbeit übt er offen. Mehrere Oberbürgermeister habe er kommen und gehen sehen, zufrieden gewesen sei er aber nur mit wenigen. Einer davon sei Heinz Winfried Sabais, der zuvor Kulturdezernent war. In dessen Amtszeit gründete Seeliger 1977 den Darmstädter Konzertchor, den er bis heute leitet. Dass sich Jochen Partsch weniger für die Musik interessiert habe, bedauere Seeliger. Verübeln könne er es ihm aber nicht, denn als Sozialdezernent habe er einen anderen Schwerpunkt gehabt. Kulturmanagement sei ein Vollzeitjob. Kein Politiker könne alle Fachbereiche abdecken. Persönlich angreifen, wolle er niemanden.
Von Darmstadt wünscht er sich ein besseres Miteinander - eine Kultur, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet wird: „Gestalten bedeutet viel Zeit“, ist sich Seeliger bewusst. Und es kostet Geld. Gerade das sei in Darmstadt ein Problem: „In Darmstadt wird die Selbstausbeutung gelebt“. Eigentlich müsste er für Konzerteintritte höhere Preise verlangen. Darauf verzichte er jedoch.
Die Auswirkungen fehlender Mittel zeigen sich auch bei den „Darmstädter Residenzfestspielen“. Vor 25 Jahren gründete Seeliger sie. Während die Konzerte in den ersten zehn Jahren noch mehrere Wochen dauerten, ginge das finanziell heute nicht mehr.
Seeliger hat mit der Gründung der Residenzfestspiele viele verborgene Orte zu Konzertflächen gemacht. Auch in diesem Jahr sind Konzerte an unterschiedlichen Orten der Stadt vom 31. Juli bis zum 9. August geplant. Das Motto lautet: „In eine bessere Welt“. Wie es interpretiert wird, hänge von den Künstlern ab. Darmstädter Orte haben er und sein Team viele entdeckt - darum gehe es: historische Plätze und Räume für die Darmstädter neu zu entdecken und mit Musik zu beleben.
Residenzfestspiele: 31. Juli bis 9. August
Verschiedene Orte in Darmstadt
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