Am 24. April 2023 wurde Hanno Benz zum Darmstädter OB gewählt, am 23. Juni war Halbzeit seiner ersten Amtszeit. FRIZZmag sprach mit ihm über Stabilität und bemerkenswerte Treffer, bevorstehende Auswechslungen und fragte nach seiner Spielidee. FRIZZmag: im Gegensatz zu einem Fußballspieler gibt es für einen Oberbürgermeister ja keine Halbzeitpause. Wie viele Pausen hast du oder kannst du dir in deinem Job nehmen?
Hanno Benz: Mein Terminkalender ist gut gefüllt, denn gerade der persönliche Austausch vor Ort mit den Bürgerinnen und Bürgern, den Kulturinitiativen, den Sportvereinen und den Unternehmen ist mir wichtig. Dazu kommen viele interne Termine oder Gremiensitzungen. Klassische Pausen gibt es in einem Amt wie dem des Oberbürgermeisters nicht. Grundsätzlich bin ich immer erreichbar – auch im Urlaub. Aber ich achte darauf, mir auch Zeit für meine Familie zu schaffen - bewusste Zeitfenster zum Kraft tanken - auch das gehört zur Selbstorganisation im Amt.
Vor Beginn deiner Amtszeit hast du gesagt: nach sechs Jahren OB Hanno Benz ist die Stadtgesellschaft wieder geeint, Darmstadt ist gerechter und zukunftssicherer und die Menschen vertrauen ihrem OB. Wie viel Vertrauen spürst du nach drei Jahren?
Ich möchte das an einem konkreten Beispiel festmachen: unserem neuen Rathausfoyer. Zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs und der Zerstörung unserer Stadt haben wir einen zentralen, gut sichtbaren und vor allem barrierefreien Zugang zum Rathaus geschaffen. Das klingt vielleicht nach einem Bauprojekt, ist aber viel mehr als das. Es ist ein Symbol dafür, wie Verwaltung und Politik heute funktionieren soll.
In diesem Foyer sitzen Kolleginnen und Kollegen, die Bürgerinnen und Bürgern den Weg zu Ämtern und Verwaltungsstellen weisen. Es ist zentraler Anlaufpunkt für Gäste, die unsere Stadt besuchen. Der Darmstadt-Shop ist hier integriert und gleichzeitig hat das Büro der Bürgerbeauftragten dort eine direkte Anlaufstelle für alle, die sich bei Problemen an die Stadt wenden wollen. Ohne Umwege, ohne Hürden.
Das war mir wichtig. Denn es ist mein Anspruch, eine Stadt für alle zu gestalten – mit einer Verwaltung, die sichtbar und ansprechbar ist und den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Dieses Foyer steht genau dafür. Und dieses Prinzip lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen: ob Mobilität, Wohnen oder Bildung. Bei vielen Begegnungen mit den Menschen erfahre ich Zuspruch und Unterstützung. Das zeigt mir, dass wir auf einem guten Weg sind.
Wodurch ist Darmstadt gerechter und zukunftssicherer geworden?
Überall dort, wo wir Barrieren abbauen, Zugänge schaffen und Bürgerinnen und Bürger beteiligen, machen wir unsere Stadt gerechter und zukunftsfähiger.
In drei Jahren haben wir wichtige Weichen gestellt: Beim Thema Mobilität ist es gelungen, verhärtete Fronten abzubauen – etwa bei der Dieburger Straße. Der zweite Aldi in Arheilgen ist vom Tisch, das Areal kann nun gemeinsam mit der Bürgerschaft entwickelt werden. Wir konzentrieren uns auf die Orte, an denen Nahversorgung gefährdet ist. Erste Erfolge in der Rossdörfer Straße und im Schwarzen Weg zeigen, dass dieser Weg richtig ist.
Die Zusammenarbeit mit dem Landkreis haben wir intensiviert – von der erfolgreich abgeschlossen Sparkassenfusion über den Mobilitätsplan bis zum ersten gemeinsamen Wachstumsplan 2035. Die Wirtschaftsförderung wurde neu aufgestellt, um Unternehmen und Handwerk besser zu unterstützen. Und obwohl Darmstadt „Digitalstadt“ heißt, hinkt die Verwaltung was Digitalisierung angeht, jahrzehntelang hinterher – das holen wir jetzt nach.
Die Kommunale Wärmeplanung liegt vor und wurde eben nicht am grünen Tisch geplant, mit wenig Bezug zur Praxis, sondern mit dem Energieversorger vor Ort gestaltet. Denn Energie- und Wärmewende müssen vor allem auch für die Menschen und Unternehmen bezahlbar bleiben.
Darmstadt wächst – die soziale Infrastruktur ist nur bedingt mitgewachsen. Deshalb habe ich mich so vehement für einen Neubau der Rollsporthalle im Bürgerparkt eingesetzt. Trotz desaströser Haushaltslage, die sich Ende 2023 auch aufgrund wegbrechender Gewerbesteuereinnahmen abzeichnete und von deren tatsächlichem Ausmaß ich erst nach meinem Amtsantritt erfahren habe, ist es gelungen die Handlungsfähigkeit der Stadt zu erhalten. Ohne dass wir bei Vereinen und Kultur kürzen mussten. Die Stadtteile wurden gestärkt: Wixhausen hat wieder eine Bezirksverwalterin, Arheilgen eine Meldestelle und in Eberstadt sanieren wir Rathaus und Mühltalbad.
Ich habe in drei Jahren vieles auf den Weg gebracht, aber strukturelle Reformen brauchen Zeit. Wie im Fußball: Erfolgreich ist ein Trainerwechsel nicht nach dem ersten Sieg – sondern wenn die Mannschaft wieder stabil steht, eine klare Spielidee hat und langfristig erfolgreich ist. Genau daran arbeite ich. Wenn man sich die Ergebnisse der Kommunalwahl anschaut, scheint die Stadtgesellschaft weniger geeint denn je. Oder sind die Verhältnisse in der Stavo (Stadtverordnetenversammlung) kein Abbild der Stadtgesellschaft?
Die Fragmentierung in der Stavo bedeutet nicht automatisch eine gespaltene Gesellschaft. Was wir sehen, ist zunächst einmal eine Pluralisierung.
Trotzdem muss uns das Ergebnis nachdenklich stimmen. Denn gestärkt wurden nicht neue Kräfte der Mitte, sondern auch die Ränder links und rechts. Es geht jetzt darum, die Menschen, die sich den Rändern zugewandt haben, wieder für die politische Mitte zu gewinnen nicht durch Überheblichkeit, sondern durch Zuhören, durch konkrete Lösungen. Das sage ich seit meinem Amtsantritt. Dieses Vertrauen wieder herzustellen, braucht Zeit.
Eines zeigt dieses Ergebnis aber klar: Keine Partei kann sich hinstellen und sagen „Wir haben gewonnen, wir geben jetzt die Richtung vor." Die Wählerinnen und Wähler haben niemandem einen solchen Auftrag erteilt. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, aus dieser Vielfalt gemeinsam handlungsfähige Mehrheiten zu schmieden – das erfordert Kompromissbereitschaft von allen Seiten. Die gemeinsamen Alltagserfahrungen in der Stadt – ob ÖPNV, Schulen oder öffentlicher Raum – verbinden die Menschen ja weiterhin.
Ein Ziel der SPD bei der Kommunalwahl war, den OB zu stärken. Die SPD hat jetzt mit 11 Sitzen noch einen weniger als 2021. Fühlst du dich dennoch gestärkt?
Als SPD-Mitglied hätte ich mir ein besseres Abschneiden meiner Partei gewünscht, wir sind stabil geblieben. Als Oberbürgermeister bin ich für die ganze Stadt gewählt. Meine Aufgabe bleibt es, diese Stadt zusammenzuhalten und handlungsfähig zu regieren – jetzt erst recht mit Partnern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Auch die Grünen haben fünf Sitze verloren. Wer nach solchen Verlusten sofort die OB-Wahl 2029 ins Visier nimmt und einer stabilen Koalitionsoption eine Absage erteilt, dem geht es vermutlich in erster Linie um Parteipolitik – nicht um die Stadt.
Mit SPD, CDU, Uffbasse und FDP hat sich eine bemerkenswerte Minderheitskonstellation gebildet. Eine Mehrheit ist derzeit nicht in Sicht, dafür fehlen sechs Sitze. Was ist die Perspektive?
Die Wählerinnen und Wähler haben kein „Weiter so“ gewählt. Im Gegenteil. Es gilt jetzt den Wählerauftrag zu erfüllen: Kompromisse eingehen, zuhören, gemeinsam Lösungen finden. Die bisherigen Gespräche und die Zusammenarbeit zwischen SPD, CDU, Uffbasse und FDP laufen sehr vertrauensvoll. Uns eint die tiefe Verbundenheit zu Darmstadt. Eine Kooperation aus so vielen verschiedenen Kräften gab es in unserer Stadt noch nie – sie kann aber durch das Zusammenführen der unterschiedlichen Interessen ein echter demokratischer Gewinn sein. Zu dieser themenbasierten Zusammenarbeit sind alle demokratischen Parteien eingeladen.
Im Juli bzw. Juni 2027 enden die Amtszeiten der beiden Grünen Dezernenten, Bürgermeisterin Barabara Akdeniz und Michael Kolmer, im September die des Volt-Dezernenten Holger Klötzner. Ab Januar stehen also Dezernentenwahlen an. Damit eröffnen sich Möglichkeiten für Auswechslungen in deiner 2. Halbzeit - wie willst du sie nutzen? Anders als der Oberbürgermeister, der von den Bürgerinnen und Bürgern direkt gewählt wird, obliegt die Wahl von hauptamtlichen Dezernenten der Stadtverordnetenversammlung. Diese Wahl ist kein Selbstzweck, sondern der Motor unserer kommunalen Demokratie. Politik verändert sich, Herausforderungen verändern sich – und deshalb muss sich auch die Aufstellung in der Verwaltung immer wieder daran messen lassen, ob sie die beste Lösung für die Stadt bietet. Es ist die vornehmste Aufgabe der Stadtverordnetenversammlung, dies sicherzustellen. Was würdest du als die schönsten Treffer in der 1. Halbzeit deiner Amtszeit bezeichnen? Gehören der Aldi in Arheilgen und das Mühltalbad in Eberstadt dazu? Und - um im Bild zu bleiben - gabs auch Eigentore? Politisch treibt mich kein Einzelmoment an, sondern die Möglichkeit zu gestalten. Ich sehe meine Aufgabe darin, politische Themen und Projekte voranzubringen. Dabei habe ich schnell festgestellt, dass Verwaltungshandeln einer eigenen Logik folgt. Hier gibt es dringenden Modernisierungsbedarf. Erste Ämterstrukturen haben wir bereits angepackt, aber ehrlich gesagt: Die Digitalisierung der Verwaltung verläuft viel zu schleppend. Das müssen wir deutlich beschleunigen zum Beispiel bei der Einführung der E-Akte. Ein zentraler Faktor dieser Entwicklung ist es, die Mitarbeitenden der Verwaltung kontinuierlich in den Prozess einzubinden. Neue, moderne Arbeitsabläufe dienen primär der Entlastung des Personals und garantieren zugleich den zügigen Service, den die Bürgerinnen und Bürger von uns erwarten.
Welche Ergebnisse erwartest du für die 2. Halbzeit?
Für die zweite Halbzeit meiner ersten Amtszeit habe ich klare Ziele. Die wichtigste Grundlage bleibt ein genehmigungsfähiger Haushalt. Nur durch eine solide Haushaltskonsolidierung sichern wir uns die politische Handlungskraft, um überhaupt gestalten zu können. Auf diesem Fundament können wir die Stadt weiterentwickeln, gerade auch was die soziale Infrastruktur angeht. Eine Stadt wächst nicht nur durch Wohnraum, sondern durch Begegnung – deshalb darf Wohnungsbau niemals ohne den zeitgleichen Ausbau von Schulen, Kitas und Sportstätten gedacht werden, denn erst lebendige Vereine, aktive Freizeiträume und hohe Aufenthaltsqualität verwandeln Stadtviertel in ein echtes, funktionierendes Zuhause mit starkem sozialem Zusammenhalt.
Deshalb gilt es auch die Sportinfrastruktur sowie Kulturangebote zu erhalten und zu stärken. Der „Sportentwicklungsplan“, der „Rahmenplan Kultur“ und der „Wachstumsplan“ sind kurz vor dem Abschluss bzw. gehen nun in die Umsetzung. Instrumente, mit denen wir eine valide Datengrundlage schaffen.
Wir stärken gezielt unsere Wirtschaft und Resilienz. Durch eine neue Wirtschaftsförderung und die fusionierte Sparkasse schaffen wir gute Bedingungen für Unternehmen. Zudem arbeiten wir enger denn je mit dem Landkreis zusammen – auch beim Wohnungsbau, indem der bauverein nun die gesamte Region in den Blick nimmt.
Gleichzeitig müssen wir das Stadtmarketing und unser Welterbe Mathildenhöhe strategisch weiterentwickeln. Die gesamte Stadt muss und soll mehr vom Welterbe-Titel profitieren. Beides muss stärker vermarktet sowie Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Tourismus enger miteinander verzahnt werden. Darüber hinaus stärken wir gezielt unsere Stadtteile. Projekte wie die Neue Mitte Wixhausen und der Umbau des Einkaufszentrums in Kranichstein haben für uns Priorität.
Ist nach Abpfiff deiner 2. Halbzeit 2029 die Stadtgesellschaft wieder geeint und gerecht und zukunftssicher? Und woran dürfen wir das überprüfen?
Am Ende zählt, was die Menschen im Alltag spüren: funktionierende Dienstleistungen, eine mitwachsende soziale Infrastruktur und wirtschaftliche Stabilität für Darmstadt. Ob eine Gesellschaft gerecht und geeint ist, zeigen keine nackten Zahlen, sondern die gelebte Realität – etwa die Frage, ob sich jüdische und queere Menschen in unserer Stadt sicher fühlen. Als Stadt stehen wir vor großen Herausforderungen, die großen Transformationen bei Energie und Mobilität lassen sich ebenso wie die Verteidigung der Demokratie vor Ort nur bewältigen, wenn jetzt die strukturellen Fundamente für eine moderne Verwaltung, resiliente Wirtschaft und eine krisenfeste Gemeinschaft gelegt werden. Daran arbeite ich täglich. Viele Berufspolitiker gewinnen ja in ihrer Amtszeit enorm an Gewicht, auch körperlich. Bei dir ist das sichtbar anders. Wie schwer ist es in deinem Job, das regelmäßige Laufen diszipliniert durchzuhalten?
Das ist für mich keine Frage von Disziplin, sondern von Lebensqualität. Das Laufen ist mein Ventil, um Stress abzubauen und über anstehende Entscheidungen in Ruhe nachzudenken. Diese Routine gibt mir die nötige Stabilität, um den Kopf frei zu haben.
Hanno Benz.vita
21.8.1972 in Darmstadt, wuchs in Arheilgen auf, wo er auch heute wohnt. Abitur an der Bertolt-Brecht-Schule, Studium Politik und Germanistik mit Abschluss Magister Artium in Frankfurt. Nach Stationen bei einem Telekommunikations- und Beratungsunternehmen war er tätig bei einem Energieversorger im Rhein-Main-Gebiet als Leiter Public Affairs. Seit 25.6.2023 ist er Oberbürgermeister der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Benz ist seit seiner Jugend in der SPD aktiv. Benz ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Kindern und ein begeisterter Läufer.
