Mit der „Crucchi Gang“ übersetzt Francesco Wilking deutschsprachige Songs nicht einfach ins Italienische – er erfindet sie neu. Was als spontane Idee begann, ist inzwischen ein eigenständiges Bandprojekt mit hochkarätigen Gästen und einer stetig wachsenden Fangemeinde. Im Interview mit FRIZZmag spricht der Musiker über italienische Wurzeln, kreative Übersetzungen und darüber, warum Kunst heute auch wirtschaftliches Denken braucht. FRIZZ: Italien spielt bei der „Crucchi Gang” natürlich eine zentrale Rolle. Welche Rolle hat das Land eigentlich in deiner Kindheit und Jugend gespielt? War das eher Sehnsuchtsort, zweites Zuhause oder einfach ganz normaler Alltag? Francesco Wilking: Eigentlich alles zusammen. Zuhause war Italien ganz selbstverständlich Teil unseres Alltags. Meine Mutter ist Italienerin, mein Vater Deutscher, und wir haben als Familie immer ein Sprachgemisch gesprochen. Wir gehörten zur italienischen Community in unserer Kleinstadt, sind zum italienischen Supermarkt gegangen und hatten dadurch die Kultur ständig um uns herum. Gleichzeitig war Italien selbst mit unseren Verwandten in Rom natürlich auch immer ein Sehnsuchtsort. Es war vertraut und gleichzeitig etwas Besonderes. Viele verbinden die Entstehung der „Crucchi Gang“ mit der Corona-Zeit. War das tatsächlich ein Pandemieprojekt oder hattest du die Idee schon länger im Kopf? Den Wunsch, kreativ etwas mit meiner italienischen Seite zu machen, hatte ich schon lange. Die konkrete Idee zur „Crucchi Gang“ entstand aber tatsächlich eher spontan. Meine Freundin Charlotte Goldermann meinte irgendwann: „Lass uns doch mal deutsche Songs auf Italienisch ausprobieren.“ Daraus ist das Projekt entstanden. Dass es dann ausgerechnet während der Pandemie veröffentlicht wurde, hat ihm wahrscheinlich sogar geholfen. Die Menschen konnten damals nicht reisen und haben vielleicht ein bisschen mit den Ohren Urlaub gemacht. Dadurch wurde die „Crucchi Gang“ im Nachhinein fast automatisch als Corona-Projekt wahrgenommen. Der Name „Crucchi Gang“ ist ja durchaus doppeldeutig. „Crucchi“ war ursprünglich eher eine spöttische Bezeichnung für Deutsche oder Südtiroler in Italien. Wie kam es zu diesem Namen? Ich wurde in Italien tatsächlich schon öfter als „Crucchi“ oder „Crucco“ bezeichnet. Auch mein Vater, der sehr deutsch aussieht, hat das öfter erlebt. Das war mal mehr, mal weniger freundlich gemeint. Irgendwann entstand dann dieses Wortspiel mit „Gucci Gang“. Uns gefiel die Idee, einen eigentlich negativ belegten Begriff mit einem Augenzwinkern umzudeuten und ihn positiv zu besetzen. Genau daraus ist schließlich der Name entstanden. Euer neues Album trägt den ungewöhnlichen Titel „Ombrelloni e Gru“ – „Sonnenschirme und Kräne“. Was steckt hinter diesem Bild? Der Titel geht auf ein Foto des italienischen Fotografen Massimo Vitali zurück. Darauf sieht man einen Strand voller italienischer Familien, die ihren Urlaub genießen, während im Hintergrund Kräne und Industrieanlagen zu sehen sind. Für mich ist das ein unglaublich typisches Bild von Italien. Nicht die romantische Postkartenidylle mit einsamen Buchten, sondern das echte Italien, wie ich es kenne: Menschen, die sich am Strand vom Alltag erholen, während die Industrie nie ganz verschwindet. Genau dieses Spannungsfeld beschreibt der Albumtitel. Ihr arbeitet auf jedem Album mit vielen ganz unterschiedlichen Gästen zusammen. Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, wer welchen Song singt? Und wie viel Mitspracherecht haben die Künstler bei den italienischen Versionen? Das ist ganz unterschiedlich. Manche sagen einfach: „Mach mal.“ Dann treffen wir uns später, ich erkläre ihnen die Aussprache und wir nehmen den Song gemeinsam auf. Andere möchten ganz genau wissen, was jede Zeile bedeutet, diskutieren einzelne Wörter oder bringen eigene Ideen ein. Das ist wie bei jeder kreativen Zusammenarbeit – manche vertrauen dir komplett, andere möchten sich intensiv einbringen. Bei der Auswahl versuchen wir als Team – also Charlotte Goldermann, Patrick Reising und ich – möglichst viele Facetten der deutschsprachigen Musik abzubilden. Auf dem neuen Album sind beispielsweise auch Künstlerinnen und Künstler aus Österreich und der Schweiz vertreten. Dadurch entsteht ein sehr vielfältiges Gesamtbild. Eure Texte werden ja nicht einfach Wort für Wort übersetzt. Oft verändern sich Bilder oder Redewendungen. Wo liegt für dich die Grenze zwischen Übersetzung und Neuinterpretation? Eigentlich sind es immer Neuinterpretationen. Mein wichtigstes Ziel ist, dass der Song musikalisch derselbe bleibt. Die Melodie, die Phrasierung und der Charakter sollen erhalten bleiben. Das funktioniert aber nur, wenn man in den Text eingreift. Würde ich eine wörtliche Übersetzung machen, würden sich Silben, Satzlängen und Betonungen verändern – und damit letztlich auch die Melodie. Deshalb suche ich oft nach neuen Bildern oder Redewendungen, die im Italienischen dieselbe Wirkung haben. Gerade bei festen sprachlichen Wendungen gibt es selten eine direkte Entsprechung. Ein schönes italienisches Sprichwort lautet „Traduttore, traditore“ – „Übersetzer, Verräter“. Ein bisschen fühlt man sich tatsächlich immer so, weil man einem Original nie hundertprozentig gerecht werden kann. Gleichzeitig liegt genau darin aber auch die kreative Herausforderung. Gab es auf „Ombrelloni e Gru“ einen Song, der euch selbst überrascht hat, weil er auf Italienisch plötzlich eine ganz neue Wirkung entfaltet hat? Ja, sogar mehrere. Besonders beeindruckt hat mich „Oggi qui, domani là“, unsere italienische Version von Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“. Claudio, mit dem ich den Text gemeinsam übersetzt habe, hat sich den Song so sehr zu eigen gemacht, dass man irgendwann fast vergisst, dass es ursprünglich ein deutscher Klassiker ist. Sehr gelungen finde ich auch „Cambiato“ von Fai Baba. Das ist in der italienischen Version unglaublich leicht, sonnig und frei geworden – fast ein bisschen hippiemäßig. Solche Momente sind besonders schön, weil ein Lied plötzlich eine ganz neue Farbe bekommt, ohne seinen eigentlichen Kern zu verlieren. Bekannte Songs in ein völlig anderes musikalisches oder sprachliches Gewand zu stecken, fasziniert die Menschen offenbar immer wieder. Warum funktioniert dieses Konzept deiner Meinung nach so gut? Vielleicht, weil man etwas Vertrautes plötzlich aus einer völlig neuen Perspektive erlebt. Ein Lieblingssong bekommt einen frischen Anstrich und wirkt auf einmal ganz anders. Besonders spannend finde ich aber, wenn Menschen die Originalversion gar nicht kennen. Das passiert uns tatsächlich öfter. Manche hören zuerst unsere italienische Version und halten sie für einen alten italienischen Popsong. Erst später entdecken sie das deutsche Original – oder umgekehrt. Genau solche Begegnungen zwischen zwei Musikkulturen interessieren mich. Deshalb geht es uns auch gar nicht um eine möglichst exakte Übersetzung. Wir wollen vielmehr eine eigene Welt erschaffen, in der die Songs so wirken, als wären sie schon immer italienisch gewesen. Gerade dieser Kontrast macht für mich den Reiz aus. Du warst in den vergangenen Jahren mit ganz unterschiedlichen Projekten unterwegs – „Tele“, „Die Höchste Eisenbahn“, „Unter meinem Bett“, Soloalben, die Zusammenarbeit mit Christopher Annen und jetzt die „Crucchi Gang“. Dabei wirkst du immer erstaunlich entspannt. Wie gelingt es dir, all das unter einen Hut zu bekommen? Für mich ist das Wichtigste, dass sich Arbeit gar nicht wie Arbeit anfühlt. Ich liebe es, mit anderen Menschen zusammenzusitzen, Musik zu machen, zu reden, gemeinsam zu kochen oder einfach Zeit miteinander zu verbringen. Wenn am Ende eines Tages etwas Schönes entstanden ist und man trotzdem das Gefühl hat, einfach eine gute Zeit gehabt zu haben, dann ist das für mich die ideale Art zu arbeiten. Natürlich setze ich mich jeden Morgen an die Arbeit und arbeite sehr diszipliniert. Aber ich möchte nie in den Zustand kommen, Dinge einfach nur abzuarbeiten. Dafür mache ich Musik nicht. Kreativität allein reicht heute oft nicht mehr aus. Künstler müssen sich zunehmend auch mit Organisation, Marketing und wirtschaftlichen Fragen beschäftigen. Wie erlebst du diese Entwicklung? Das gehört heute leider alles dazu. Man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass man einfach Musik macht und sich jemand anderes um den Rest kümmert. Eigentlich war das wahrscheinlich nie wirklich so, aber heute gilt es mehr denn je. Früher war ein Album oft das Vehikel für eine Tour. Heute funktioniert selbst das nicht mehr selbstverständlich. Die Menschen gehen insgesamt etwas seltener auf Konzerte, gleichzeitig sind unglaublich viele Künstler gleichzeitig unterwegs. Davon profitieren vor allem die ganz großen Acts, während kleinere und mittlere Bands deutlich stärker kämpfen müssen. Dadurch entsteht eine komplizierte Mischkalkulation. Man muss sehr genau überlegen, wie Projekte überhaupt finanziert werden können. Gleichzeitig müssen wir Musiker uns stärker für bessere Rahmenbedingungen einsetzen – etwa für eine fairere Vergütung auf Streaming-Plattformen oder für den Erhalt staatlicher Kulturförderung. Sonst wird es für viele unabhängige Künstler immer schwieriger, dauerhaft von ihrer Musik zu leben. Im September kommt ihr mit der „Crucchi Gang“ auch wieder in den „Schlachthof Wiesbaden“. Was erwartet das Publikum dort? Ist das eher Konzert, Familienfeier oder ein kleiner Kurzurlaub in Italien? Ein bisschen von allem. Natürlich stehen unsere italienischen Versionen deutschsprachiger Songs im Mittelpunkt, aber wir holen auch immer verschiedene Sängerinnen und Sänger auf die Bühne, die ihre eigene Musik vorstellen. Außerdem spielen wir Klassiker der italienischen Musikgeschichte. Uns geht es darum, möglichst viele Facetten Italiens zu zeigen – die ernsten genauso wie die humorvollen. Hochkultur darf dabei genauso ihren Platz haben wie augenzwinkernde Klischees oder das ein oder andere Guilty Pleasure. Popmusik lebt schließlich auch von Bildern und Stereotypen. Genau dieses Spannungsfeld macht für mich den Reiz aus. Hat dich überrascht, dass aus einer spontanen Idee inzwischen ein richtiges Bandprojekt mit mehreren Alben und einer eigenen Fangemeinde geworden ist? Absolut. Wobei mich das eigentlich bei jedem meiner Projekte überrascht. Ich arbeite nie nach dem Motto: Wo ist die nächste Marktlücke? Oder: Was könnte besonders erfolgreich werden? Wir haben einfach Ideen, die uns Spaß machen, und verfolgen sie weiter. Irgendwann entwickelt so ein Projekt dann ein Eigenleben. Es kommen Menschen zu den Konzerten, interessieren sich dafür und begleiten einen. Natürlich freut uns das riesig. Gleichzeitig versuchen wir bewusst, diesen Erfolg nicht zu sehr steuern zu wollen. Sobald man anfängt, kreativ nur noch nach vermeintlichen Erfolgsrezepten zu arbeiten, verliert man genau die Leichtigkeit, aus der solche Projekte überhaupt erst entstehen. Crucchi Gang live: >> Do. 17.9.26, 20 Uhr, Schlachthof, Wiesbaden Weitere Infos unter: ZUR KÜNSTLER-WEBSEITE | INSTAGRAM
FRIZZ verlost 3x2 Tickets für das Konzert der “Crucchi Gang” in Wiesabden am 17.9.
Bitte sende eine E-Mail mit deinem vollständigen Namen und Kontakt an verlosung@frizzmag.de. Betreff: „Crucchi Gang“ Einsendeschluss: 31.8.2026. Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per E-Mail.
