25 Jahre Jan Delay – und kein bisschen leise. Mit seiner Jubiläumstour geht der Hamburger Musiker aktuell in die Verlängerung und zeigt gemeinsam mit „Disko No. 1“, warum seine Shows bis heute zu den energiegeladensten des Landes zählen. Zwischen Funk, Soul und klaren Ansagen blickt Delay im Gespräch zurück auf eine lange Karriere, spricht über den Zustand der Musikindustrie – und erklärt, warum am Ende nur eines zählt: dass es auf der Bühne „einfach geil“ ist.
FRIZZ: Im vergangenen Jahr ist deine Jubiläumstour „Best of 25 Years“ gestartet, die nun fortgesetzt wird. 25 Jahre Jan Delay – ist das für dich eher ein Blick zurück oder der Beweis, dass das alles noch ziemlich gut im Hier und Jetzt funktioniert?
Jan Delay: Sowohl als auch. Im Grunde spiele ich mit der „Disko No. 1“, seit ihrer Gründung vor gut zwanzig Jahren, bei jedem Konzert eine „Best of“-Show, denn ich packe auf die Setlist unserer Konzerte immer ein „Greatest Hits“-Programm. Die „Disko No. 1“ sollte als Band wie ein DJ sein, der alle Hits zu einem tollen Medley zusammenmixt. Natürlich hast du nach einem Vierteljahrhundert viel größere Kisten, in denen du rumstöbern und viel mehr Material, aus dem du auswählen kannst. Es war schon geil, das alles nach so langer Zeit nochmal genauer durchzugehen und zu schauen, was man beispielsweise schon lange nicht mehr gespielt hat und mal wieder auf die Bühne bringen sollte.
Mit „Disko No. 1“ hast du seit Jahren eine Band an deiner Seite, die live als absolute Ausnahmeerscheinung gilt. Was macht diese Zusammenarbeit für dich so besonders?
Wir können das, was wir leisten, nur leisten, weil wir uns alle so sehr mögen und weil wir die Musik, die wir machen, so sehr lieben. Und weil wir auch ständig an ihr arbeiten und gemeinsam proben. Und so leicht das, was wir tun, von außen betrachtet, wirken mag – wenn wir da nicht mit dieser Hingabe rangehen würden, würde es nicht funktionieren. Die Chemie untereinander in der Band muss stimmen und man muss Bock haben und man muss für das, was man tut, einfach brennen.
Eure Live-Shows wirken oft extrem tight, gleichzeitig aber auch sehr spontan. Wie viel davon ist durcharrangiert – und wie viel passiert wirklich im Moment?
Der Rahmen eines Konzerts oder der einzelnen Songs ist schon abgesteckt, klar. Aber was innerhalb dieses Rahmens passiert, variiert schon durchaus. Es gibt immer wieder Passagen, beispielsweise für Solo-Einlagen, die recht frei laufen können. Natürlich kann es auch vorkommen, dass wir diese Rahmen von Show zu Show neu abstecken, wenn wir merken, dass Parts zu lang oder auch mal zu kurz geraten sind. Aber das funktioniert bei uns sehr organisch. Wenn etwas gut funktioniert, sind da alle immer direkt begeistert und wenn’s mal nicht so rund lief, reicht da oft ein Blick untereinander und wir wissen, dass das besser geht.
Das erinnert ein bisschen an klassische Soul-Formationen wie bei James Brown und seinen Bands wie den J.B.'s. Gab es solche Vorbilder für dich?
Klar. Das bringt ja die Konstellation mit sich. Ich habe die Band gegründet mit einem klaren Ziel und klaren Vorstellungen, was ich mit ihr machen möchte. Von daher war auch von vornherein klar, wer da den Hut aufhat. Wenn ich die Visionen habe, ist es auch meine Aufgabe, der Band zu sagen, wie es läuft. Ich habe zwar keine Ahnung von Harmonielehre, aber ich kann meine Ideen sehr gut beschreiben und vorsingen. Die Band und ich haben da ziemlich schnell unsere Form der Kommunikation gefunden und die funktioniert bis heute. Nach jedem Konzert besprechen wir zum Beispiel, was nicht geil gelaufen ist und ändern das direkt für die nächste Show. Wir sind schon auch in der Regel sehr happy nach unseren Auftritten, aber es gibt eigentlich keinen Abend, an dem wir nicht etwas finden, was wir danach besser machen können. Wir haben da einen sehr hohen Anspruch an uns.
Ganz ehrlich: Bist du auf der Bühne auch so ein strenger Bandleader wie James Brown damals?
Nö, bin ich sicher nicht. James Brown hat seine Leute ja richtig mies behandelt. Aus solchen Fehlern lerne ich ja auch, was natürlich von Anfang an sehr gut für die Bandchemie war und ist. Ein wesentlicher Grund unseres Erfolges liegt sicher darin, dass wir alle gut miteinander umgehen und großen Spaß an unserer Zusammenarbeit haben. Wir mögen uns und eine gute Bandchemie ist wichtig für das, was wir auf die Bühne bringen möchten.
Eure Open Air-Tour startet dieses Jahr beim „Schlossgrabenfest“ – ein Festival mit sehr gemischtem Publikum. Unterscheidet sich so ein Auftritt für dich von anderen Open-Air-Shows im Festivalsommer?
Jedes Publikum ist anders. An einem Tag spielst du auf einem Festival an der Nordsee, am nächsten Tag in Darmstadt und dann in einem Dorf in Österreich – und jedes Mal stehen da ganz unterschiedliche Leute vor der Bühne. Verschiedene Gegenden, unterschiedlicher Schlag von Leuten, das ist ganz normal. Aber klassische Festivals spielen wir eigentlich kaum noch. Denn jedes Festival verlangt eine Exklusivität und besteht meist auf einem sogenannten Gebietsschutz, was bedeutet, dass du drei Monate vor und nach dem Festival in einem bestimmten Radius nicht nochmal auftreten darfst. So könnte ich vielleicht gerade mal vier, fünf Festivals pro Jahr in Deutschland spielen. Deswegen spiele ich auch im Sommer lieber meine eigenen Open Air Shows.
Du bist seit den frühen 90ern im Geschäft – von Beginner-Zeiten bis zu deinen Soloalben. Wenn du heute auf diese Karriere schaust: Was hat sich am stärksten verändert – die Musikindustrie oder dein eigener Blick darauf?
Mein Blick darauf hat sich nicht verändert. Der war immer schon kritisch. Aber natürlich hat sich das Business sehr verändert. Als wir im Alter von fünfzehn, sechzehn Jahren losgelegt hatten und dann mit Anfang zwanzig sogar nach unseren eigenen Regeln spielen durften, war das natürlich alles noch deutlich stressfreier. Als dann mp3 und die illegalen Downloads alles durcheinandergewirbelt haben, war nichts mehr wie vorher. Da war die Musikindustrie komplett hilflos und wusste sich nicht anders zu helfen, als irgendwelche Musikfans zu verklagen. Das war einfach nur peinlich. Und dann kommt Apple und rettet mit iTunes das Ganze, was eigentlich Aufgabe der Musikindustrie gewesen wäre. Und mit Spotify kam dann ein weiterer Player ins Spiel, der das ähnlich ausbeuterisch weitergeführt hat. Am Streaming ärgert mich vor allem, dass die großen Plattenfirmen nur an ihrem Backkatalog unfassbar viel Geld verdienen, aber ansonsten alles zusammenstreichen, alle Leute rausschmeißen und rein gar nichts mehr in den Aufbau neuer Bands investieren (Anm. d. Red.: Der „Backkatalog“ bezeichnet bereits veröffentlichte Alben und Songs, mit denen Labels weiterhin Einnahmen erzielen.). Die veröffentlichen kaum noch Alben, sondern nur noch Songs, bei denen ihnen eine KI sagt: „das wird ein viraler Hit“. Die kümmern sich um gar nichts. Das ist überhaupt keine gute Entwicklung.
Du hast immer wieder verschiedene musikalische Phasen durchlaufen – HipHop, Reggae, Funk, Soul. Passiert so ein Wandel eher bewusst oder ergibt sich das einfach aus dem, was dich gerade interessiert?
Das kommt von ganz alleine, ja. Ich bin ja immer auch selbst Konsument und Fan und habe mich da überall reingehört, weil mich dieser Bereich immer geflasht hat. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch auf meinen Alben. HipHop war schon immer mein Ding. Zu „Bambule“-Zeiten habe ich dann aber auch sehr viel Roots Reggae und Dancehall gehört und hatte Bock, mal selbst etwas in die Richtung zu machen. Das ist dann in mein Debüt-Album eingeflossen (Anm. d. Red.: „Searching for the Jan Soul Rebels“ von 2001). Danach haben wir noch ein „Beginner“-Album aufgenommen und währenddessen habe ich mich sehr eingehend mit meiner Funksammlung auseinandergesetzt. Ich hatte schon immer auch Funk-Platten gesammelt, aber mehr, um daraus gute Samples zu ziehen. Und diese Beschäftigung mit dem Funk mündete dann in der Zusammenarbeit mit der „Disko No. 1“ und der Produktion von „Mercedes Dance“ und „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“. Zu dieser Zeit sind jede Menge geile Rockplatten rausgekommen, von „Queens of the Stone Age“, „Kaiser Chiefs“ bis „Arctic Monkeys“, und obwohl Rock nie wirklich meine Mucke war, hatte ich Bock, auch das mal zu machen. Die Musik, die ich privat gehört habe, hatte also immer auch Einfluss auf die Musik, die ich gemacht habe.
Du wirkst auf der Bühne seit Jahren konstant energiegeladen. Ein Künstler wie Udo Lindenberg, mit dem du seit Jahren eng verbunden bist, zeigt ja, dass so eine Energie auch über Jahrzehnte tragen kann. Ist er für dich ein Vorbild?
Ja, auf jeden Fall! Weil es auch zeigt, dass die Energie ihn trägt. Es gibt Leute mit so großem Talent, die so getrieben sind, in dem, was sie machen – die brauchen die Musik und die Bühne einfach zum Leben. Das erinnert mich ein bisschen an den Film „Limelight“, wo Charlie Chaplin als Clown am Ende auf der Bühne tot in die Trommel fällt. Auf der Bühne abtreten - das ist für diese Art Künstler der Traumtod, denn für die gibt es nichts Schlimmeres, als nicht mehr das machen zu können, was einem lebenslange Erfüllung gegeben hat. Deswegen ist man so getrieben und wollen immer weitermachen, denn wenn es irgendwann nicht mehr möglich ist, zu spielen, fällt man ganz schnell um.
Neben Udo hast du über die Jahre mit sehr unterschiedlichen Künstlern gearbeitet. Was reizt dich heute noch an Kollaborationen – und wann sagst du: Das mache ich lieber allein?
Ich mag beides gerne. Ich bin natürlich ein Freund von Kollaborationen, denn ich komme aus dem HipHop und da ist die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ganz normal. Diese Idee der Kollabos kommt ja auch aus dem HipHop und ist mittlerweile auch in anderen Genres sehr verbreitet. Als Jan Delay habe ich aber meistens alles alleine gemacht, was sicher auch daran liegt, dass ich ein ziemlicher Perfektionist bin. Wenn jemand was macht, und ich finde das nicht so geil, dann sage ich das auch (lacht). Im schlimmsten Fall nehme ich das dann einfach nicht. Ich habe eine Strophe von Snoop Dogg, die für den Song „Abschlussball“ auf „Bahnhof Soul“ gedacht war. Die kam und kam nicht und dann haben wir Snoops Strophe einen Tag vorm Mastern bekommen. Und was soll ich sagen? Wir haben sie nicht genommen – einfach, weil sie nicht geil war. Es muss einfach geil sein. Egal wie groß der Name ist, der Beitrag muss einfach geil sein und den Song weiterbringen.
Wenn du heute nochmal ganz am Anfang stehen würdest – in einer komplett veränderten Musiklandschaft mit Streaming und Social Media: Würdest du den gleichen Weg nochmal gehen?
Wenn ich an das innere Feuer von mir mit fünfzehn denke, und fühle, wie krass das war, wie überzeugt ich von der ganzen Sache war, und immer noch bin, dann würde ich sagen: „Ja“. Die letzten beiden Tage habe ich an einem neuen Text gesessen und da ging es genau um so eine Frage: „Wie viele Platten kann ich noch machen, bis die Musik egal ist“ und so. Also egal, weil Musik immer wertloser wird und irgendwann nur noch von der KI gemacht wird. Und am Ende der Line sage ich dann: „Wenn ich fünfzehn wäre, würde ich jetzt ein Handwerk erlernen.“ Das meine ich auch ernst, ist aber eher an die jungen Leute von heute gerichtet, die jetzt mit dem Gedanken spielen, professionell Musik machen zu wollen. Trotzdem sage ich auch, dass wenn du so ein Feuer in dir hast, wie wir damals, dann führt an der Musik kein Weg vorbei. Dann ist auch zweitrangig, ob du damit Geld verdienst. Wenn du mit jeder Faser dafür brennst, musst du das einfach machen. Dem Feuer ist auch ziemlich egal, wie es um das Musikbusiness gerade bestellt ist. Das Feuer will einfach nur brennen, und dem Feuer geht’s um Musik. Und Musik gab es immer und wird es immer geben.
Vielen Dank für das Gespräch.
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FRIZZmag präsentiert: „Jan Delay & Disko No. 1“ live!
Fr. 22.5., 21.10 Uhr, „MERCK“-Bühne, Schlossgrabenfest, Darmstadt
FRIZZmag verlost 2x2 Festival-Tickets für das Schlossgrabenfest vom 21.5. – 24.5.26
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