Mit Pit einen Termin zu vereinbaren, gestaltet sich zunächst holprig: »Wir sind am Ordern.« Als er dann mehr Luft hat, sitzt er entspannt auf den Stufenin seinem Laden, Mitarbeiterin Tine Matthes an seiner Seite, sagt aber:»Heute nur die Kurzversion, sonst sindwir in vierzig Stunden noch nicht fertig.« Wie ein Statement steht - Heckmann - in schöner Altladen-Typografie überm Eingang dieses Conceptstores an der Schulstrasse 5, das der gleichnamige Besitzer hier vor zehn Jahren bezogen hat. Derzeit schweben im Schaufenster neonfarbene SALE-Buchstaben, zusammen mit rot-weiß-gestreiftem Schwimmring, über Sachen und Sächelchen, die Flaneure zum Anhalten und Betrachten bringen, Bewunderung auslösen und zu haben sind. Wer das Geschäft betritt, entdeckt die interessanten Designerstühle in verschiedenen Formen und Materialien, einen Sprungbock, Miniautos und -Fahrradfahrer, Grafiken, Vasen, Seifen, Fächer, Schreibutensilien, japanische Windspiele in Fischform sowie Jeans, Ringelshirts, Kleider, Hemdblusen, Stiefel und vieles andere mehr. All die Dinge, die dem 1953 geborenen Pit auch selbst gefallen. Erfahrungen rund um Tops und Flops, Ein- wie Verkauf, talentierte Mitarbeiter wie Christel Ohl (»die war einfach unglaublich«), Reisen zu Messe-Hotspots, um möglichst angesagte Spitzenware wie ebendiese Gebrauchsobjekte, Accessoires oder Mode anbieten zu können, hat er nun bereits in fast fünfzig Jahren gesammelt. 1979 hat sich der gelernte Maschinenbauer, der sich bei Hofmann Maschinen- und Anlagenbau im hiesigen Industrieviertel ausbilden ließ, mit Wolfgang Schraml und dem Laden »Surfers Point« an der Heidelberger Strasse selbstständig gemacht. Denn längst nicht nur Großgeräte faszinierten ihn: »Es gibt ja noch viele andere schöne Dinge auf der Welt«, sagt Pit und erzählt, wie er seinerzeit mit Kumpel Schraml beim Skaten am Frankfurter Monte Scherbelino einen Surfbrett-Importeur kennenlernte. »Mit paar‘n Zwanzig«, so Heckmann, seien sie bei diesem Importeur »im Rodgau« eingestellt worden und lernten alles, was sie später für ihr eigenes Geschäft brauchten. Mit den »Brettern« nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf: Windsurfen entwickelte sich zum absoluten Popkultur-Phänomen. Die Boards schwappten von Kalifornien nach Europa über. Pit und Wolfgang schmissen sich voll rein ins Vergnügen, schwammen und ritten auf dieser Surfhype-Welle mit. Sie begeisterten mit ihrem coolen Angebot freilich nicht nur Darmstädter: Im »Surfers Point« trafen sich die, die den kalifornischen Livestyle liebten und in Südhessen, auf heimischen Gewässern erleben wollten. Eine best gelaunte Community, die Spaß an Bewegung, Freude am Miteinander und in der Natur, am Beach, auf dem Wasser und unter der Sonne hatte. Energie, Kraft, ja, pure Lebensfreude - das Windsurf-Fieber verbreitete sich rasant und auf der ganzen Welt. Europaweit verkauften sich die Kultbretter hunderttausendfach, womit auch Konkurrenz geweckt wurde und langsam aber sicher das Geschäft kaputtging. Für seinen zweiten Laden namens »Boathouse« an der Ecke Hügel- und Saalbaustraße, stieg Pit Heckmann auf »normale Mode« um. »Vans-Schuhe hatten wir schon in den Achtzigern«, erzählt er. Er besuchte die boot in Düsseldorf, die ISPO in München, nahm Kontakt zur Sport- und Modemarke Chiemsee auf, und erinnert sich, wie er die Klamotten »von den Jungs aus Chiemsee von der Kiste raus« verkaufte. »Dann«, sagt er beim Berichten, »wurden wir mutiger«. Das Ganze habe ihn derart inspiriert, dass er immer mehr Feuer fing: Pit schwärmt von wunderbaren und unbeschwerten Reiseerlebnissen, etwa nach Paris: »Die große, weite Welt«, sagt er und muss selbst schmunzeln. »Modeschauen mit extravaganter Musik und tollen Models in ehemaligen Fabrikhallen.« Einmal hätten sie über einen Boten erst drei Stunden vorher erfahren, wo das ganze Spektakel überhaupt über die Bühne gehen sollte. Dann habe man sich sofort aufgemacht, sei per Bus, Bahn, Metro erst nach vielen Kilometern in die Peripherie an solch‘ einen Lost-Place gelangt. Und: »Da bist Du blind geworden, so schön waren diese Kleider« von Helmut Lang oder Dries van Noten. »Das war absolut aufregend.« Und Kollegin Christel habe vor Aufregung beinahe einen Herzstecker bekommen. Unvergessen sei diese Zeit mit sagenhaften Shows, auch in ehemaligen Kinos oder Theatern. »Suzy Menke von Vogue«, erwähnt Pit, und erzählt, dass da sämtliche Fashion-Freaks weltweit vertreten gewesen seien. Mutig sei‘s weitergegangen. »Wir klopften bei Ralph Lauren, bei Stone Island an.« Und dann sagt er selbstbewußt: »Wir haben Ralph Lauren in die Stadt geholt. Dann waren wir richtig drin.« Seine Freude an schönen Dingen (und wir haben noch nicht über Rennautos und Motorräder gesprochen) merkt man ihm an. Befragt nach irgendeinem Objekt in seinem weitläufigen, schönen Ladengeschäft, stellt sich schnell heraus, dass sein Herz »an allem« hängt, was nach langer Suche den Weg zu ihm gefunden hat. Alles sei auserwählt und ausgesucht für Heckmann, vor allem auch die Preziosen der Innneneinrichtung, wie der hellblaue Vitrinenschrank aus einer Scheuer in Neunkirchen. Pit Heckmann sitzt auf seinem stabilen Verkaufstresen, »vom Flohmarkt aus Florenz - einmal Schrottler, immer Schrottler«, und über ihm hängt ein beeindruckendes Großposter, auf dem die Darmstädter Reisejournalistin Milli Bau konzentriert in ihre Kamera schaut, mit Äffchen auf der Hand, das ihr scheinbar bei der Arbeit behilflich sein will. »Das habe ich geschenkt bekommen.« Zu jedem Detail gibts tolle Geschichten, die der Kunde gerne hört. Der Blick schweift sodann über Pits braune Stiefel, die es in neu bei ihm zu kaufen gibt: Red Wings und Blundstone Shoes hat er schon seit mehreren Jahrzehnten im Sortiment. Mittwoch war er noch in München, vorher in Hamburg, davor Berlin und Düsseldorf, um sich auch in Showrooms umzusehen und zu informieren. Sein Zentralthema ist das schöne Geschäft in Darmstadts City,»eine Punktlandung«, wie er befindet, nachdem er übrigens auch noch zehn Jahre an der Wilhelminenstraße zu finden war. Die Liebe aber zu schönen Dingen teilt nicht nur er, sondern auch seine engagierten Mitarbeiter sowie die treuen Kunden, die immer mal - wenn auch nur zum Plausch - reinschauen.
Schulstrassenfest, 5. September, 10 bis 17 Uhr ZUR WEBSEITE | INSTAGRAM
