Mit seinen gefeierten Soloprogrammen und Konzertabenden mit der »Kapelle der Versöhnung« war Rainald Grebe über viele Jahre eine feste Größe der Kleinkunstszene. 2017 stoppte ein Schlaganfall abrupt diesen Weg. Seitdem ist vieles anders - Auftritte verlangen Vorbereitung, Leichtigkeit ist seltener geworden. Und doch kehrt Grebe Schritt für Schritt auf die Bühne zurück: konzentrierter, verletzlicher, aber mit unverändertem Wunsch nach Öffentlichkeit, Begegnung und Normalität. Im Interview spricht er über Humor, Rückschläge und leise neue Pläne. FRIZZ: Du warst lange als vielseitiger Bühnenkünstler unterwegs — Musiker, Theatermacher, Kabarettist — und hast große Erfolge gefeiert. Wenn du auf diese Zeit vor der Diagnose zurückblickst: Was erscheint dir heute daran besonders weit weg, was ist geblieben? Rainald Grebe: Die Leichtigkeit ist weg. Dass man einfach alles so machen konnte und das alles einfach und spontan ging. Heute muss ich mich sehr gut vorbereiten, damit ich das alles gut schaffe. Das ist schon ein sehr großer Unterschied. 2017 kam der Schlaganfall mitten während einer Vorstellung — ein radikaler Einschnitt. Kann man so einen Moment überhaupt begreifen, oder funktioniert man zunächst einfach weiter? Das war schon ein heftiger Einschnitt. Ich bin quasi von der Bühne ins Krankenhaus. Mein Techniker, mit dem ich auch gut befreundet bin, ist noch schnell auf die Bühne und hat mich beim Publikum verabschiedet mit den Worten „wir kommen wieder“. In Düsseldorf war das damals. Das hat sich sehr merkwürdig angefühlt und war sehr hart. Erst nach mehreren Rückschlägen wurde klar, dass eine seltene Gefäßerkrankung hinter den Schlaganfällen steckt. Was macht diese Diagnose mit dem eigenen Selbstbild als Künstler — und als Mensch? Man ist aus der Reihe, gewissermaßen. Ich bin von gestern. So fühlt sich das an. Ich war lange nicht auf der Bühne und das ist einfach immer meine Arbeit gewesen. Man fühlt sich dann einfach nicht mehr „normal“, verstehst du, was ich meine. Das ist einfach mein Leben. Ich muss zurückkommen und ich will zurückkommen. Und ich bin froh, dass es so halbwegs so langsam wieder geht: rauskommen, in andere Städte fahren, Leute treffen. Einfach wieder dazuzugehören… das ist schon toll! Du hast einmal beschrieben, dass Sprache plötzlich unsicher wird — ausgerechnet das wichtigste Werkzeug deiner Arbeit. Wie verändert das dein Verhältnis zu Text, Timing und Bühnenpräsenz? Das hat sich schon ziemlich verändert. Ich kann jetzt beispielsweise nicht mehr mein ganzes Programm im Kopf haben und parallel mit den Leuten reden. Das ist in der Regel schon sehr anstrengend. Ich muss mich voll auf das Programm konzentrieren, nehme jedes Wort für sich, dann das nächste. Ich arbeite da eng mit meiner Logopädin zusammen und bereite mich auf einen Abend wie bei euch in Darmstadt vor wie auf eine Show in der Waldbühne. Humor war immer ein zentraler Bestandteil deiner Kunst. Ist Humor in dieser Situation Schutzmechanismus, künstlerische Strategie — oder einfach Charakter? Da liegt auf jeden Fall mehr Verzweiflung in meinem Lachen jetzt. Meine Freundin meint, ich würde auf einmal so komisch lachen. Das kannte sie vorher so nicht von mir. Das hat sich einfach so ergeben und zieht sich auch durch meinen kompletten Alltag. Viele normale Handlungen, wie Gehen, Stehen, Laufen, Kaffeetrinken, sind heute für mich eben nicht mehr so normal und das hat neben einer Verzweiflung auch was Komisches und bringt mich eben mitunter zum Lachen. Auch wenn ich traurig bin, lache ich heute recht oft. Die Dokumentation „Der Tod im Leben“ zeigt deinen Weg zurück auf die Bühne und kulminiert im Waldbühnen-Konzert 2023 vor tausenden Menschen. Was hat dich angetrieben, dieses scheinbar absurde Ziel überhaupt zu verfolgen? In der Waldbühne zu spielen, ist natürlich das Größte für einen Kleinkünstler. Natürlich war das schon ziemlich anspruchsvoll, die Leute zusammenzutrommeln und den Abend zu gestalten. Und es hat sich auch sehr gelohnt – alles hat geklappt und es ist ein super Abend geworden! Aber damals ging es mir auch noch besser. Ich wollte danach, 2024, auch nochmal mit der „Kapelle der Versöhnung“ auf Jubiläumstour, aber es ging nicht. 2024 war das Horrorjahr mit vielen Schlaganfällen und einer Biopsie. Alles war vernebelt, nichts ging mehr. Wir mussten die Tour dann schweren Herzens absagen. Wie gehst du konkret mit diesem Damoklesschwert während einer Vorstellung um? Da denke ich überhaupt nicht dran. Das geht auch gar nicht. Aber die letzten Untersuchungen in der „Charité“ stimmen eher positiv. Sie haben aktuell nichts gefunden. Mein Gehirn ist momentan wohl frei von Entzündungen. Und es ist auch schon länger ruhig – keine Schlaganfälle mehr. Die letzten Konzerte liefen auch sehr gut. Ich konnte mein Programm normal spielen und brauchte keine Spickzettel mehr. Das macht Hoffnung, dass es weiter besser wird. Du hast nach Krankenhaus- und Rehazeiten neue Wege gefunden, Texte und Musik zu präsentieren — reduzierter, konzentrierter. Entsteht daraus eine andere Form von Kunst als früher? Das weiß ich nicht. Ein Freund von mir, ein Schauspieler, meinte ich sei jetzt irgendwie „zarter“ auf der Bühne. Das liegt aber sicher auch daran, dass ich einfach nicht diese Power habe, die ich früher auf der Bühne gezeigt habe. Die habe ich einfach nicht mehr. Jetzt sage ich, dass ich krank bin, dass ich schwächer bin. Aber es kann schon sein, dass das meinen Abenden eine neue, andere Qualität gibt. Dein aktuelles Programm bewegt sich zwischen Erinnerung, Verletzlichkeit und leiser Zuversicht. Würdest du sagen, dass sich dein Blick auf Öffentlichkeit und Publikum verändert hat? Manchmal denke ich, dass ich überhaupt kein Bild mehr habe von dieser Öffentlichkeit. Die Krankheit macht sehr vieles mit mir und vieles geht wie schon gesagt nicht mehr wie früher. Ich lese zum Beispiel nur noch sehr wenig Zeitung. Ich weiß, dass Trump jetzt in den USA am Ruder ist, aber so ganz genau habe ich das alles gar nicht mitbekommen. Das ändert meinen Blick auf die Welt. Mein Blick richtet sich viel stärker nach innen. Gibt es Momente auf der Bühne heute, die intensiver oder wertvoller sind als früher? Meine Stimme war eine ganze Zeit ziemlich angeschlagen und daneben. Dass ich wieder singen kann, empfinde ich daher sehr intensiv und positiv. Nach all den Rückschlägen immer wieder auf die Bühne zurückzukehren — was bedeutet dir das Auftreten heute ganz persönlich? Das ist mein Leben. Endlich wieder Normalität, oder was man dafür hält. Backstage sein, schlechtes Catering, durch die Lande fahren, in einem Hotel schlafen. Das Frühstücksbuffet, der Cappuccino am Morgen. Das alles wieder erfahren zu dürfen, bedeutet mir sehr viel. Am 17. März kommst du, gemeinsam mit dem Gitarristen der „Kapelle der Versöhnung“, Marcus Baumgart, zu uns nach Darmstadt in die „Centralstation“. Genau, dann fahren wir wieder direkt bei euch durch die Einkaufspassage (lacht). Das Programm, das ihr präsentiert, heißt „Ich erinnere mich – glaube ich“. Was erwartet das Publikum — und was erwartest du selbst von so einem Abend? Zum Teil Lieder, die so alt sind, dass sie kaum noch jemand kennt (lacht). Ansonsten hoffe ich einfach, dass das ein guter Abend wird. Dass er gut läuft, dass ich gut singe und die Leute applaudieren. Das wäre schön. Wenn Krankheit Teil der eigenen Biografie bleibt: Plant man dann überhaupt noch langfristig — oder lebt und arbeitet man stärker im Moment? Sehr lange habe ich überhaupt nicht mehr langfristig geplant. Überhaupt das Wort „planen“ - das gab’s quasi nicht mehr. Aber in der „Charité“ haben sie mir neulich gesagt, dass jetzt alles wieder besser wird, dass ich wieder planen kann. Und so ganz leise mache ich wieder kleine Pläne, auch wenn ich mich daran erst noch gewöhnen muss. Und kannst du schon etwas über diese kleinen Pläne verraten? Ich plane gerade ein Songwriting-Seminar, das ich im Sommer gerne geben möchte. Ich werde mich da demnächst hinsetzen und überlegen, wen ich da einladen möchte und was ich den Leuten beibringen könnte. Vielen Dank für das Gespräch. Weitere Infos unter: WEBSEITE FACEBOOK FRIZZmag präsentiert: Rainald Grebe live! Di. 17.3., 20 Uhr, Centralstation, Darmstadt
FRIZZ verlost 3x2 Tickets für das Konzert von Rainald Grebe in der »Centralstation« Bitte sende eine E-Mail mit deinem vollständigen Namen und Kontakt an verlosung@frizzmag.de Betreff: Rainald Grebe. Einsendeschluss: 12.3.2026 Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per E-Mail.
