Seit 25 Jahren organisiert die „Starwhore Corp.“ Konzerte jenseits des Mainstreams. Garage- und Punkrock standen dabei von Anfang an im Mittelpunkt. Was klein begann, ist über die Jahre zu einer festen Größe der Darmstädter Subkultur geworden, ohne den „DIY“-Anspruch zu verlieren. Im Gespräch blickt Jürgen Schüler auf die Anfänge zurück, spricht über Alltag, Risiko und Veränderungen in der Szene – und darüber, warum das Konzertmachen für ihn bis heute nicht an Reiz verloren hat. FRIZZ: 25 Jahre „Starwhore Corp.“ – das ist für eine unabhängige Konzertgruppe eine echte Ansage. Erinnerst du dich noch an das allererste Konzert, das ihr organisiert habt? Wie fing alles an? Jürgen: Unser erstes „Starwhore“-Konzert war mit meiner eigenen Band „Skeleton Army“, damals noch im „Eledil“ in der Adelungstraße. Als Gäste waren noch „Crime Kaisers“ aus Landau und „Stay Where The Pepper Grows“, eine „Motörhead“-Tributeband aus Dieburg, mit dabei. Wir hatten damals einige Fans mit „Skeleton Army“, deswegen war der Abend auch solide besucht. Aber wir hatten schon vorher Erfahrungen als Konzertveranstalter gesammelt. Schon ab den späten 80ern/Anfang der 90er haben wir zuhause im Odenwald Konzerte veranstaltet, zum Beispiel im „JUZ“ in Reinheim oder im „BKA“ Münster. Euer Name „Starwhore Corp.“ klingt nach Ironie und Augenzwinkern. Was steckt dahinter – und war euch von Anfang an klar, dass ihr euch bewusst außerhalb klassischer Veranstalterlogik positionieren wollt? Der Fokus lag natürlich schon auf „Rock“ im weitesten Sinne, aber wir haben uns stilistisch auch nie eindeutig festgelegt und wollten da immer flexibel bleiben. Den Namen haben wir dem Song „Star Whore“ der US-Punkband „Antiseen“ entliehen. Textlich geht’s da um Marilyn Monroe, und musikalisch hat das auf jeden Fall gepasst. Ob wir uns den Namen heute nochmal geben würden, sei mal dahingestellt. Aber jetzt ist er eh schon Geschichte und bleibt. Am Anfang waren wir auch noch zu dritt. Neben mir waren noch Matthias Bauer vom „Morbus Gravis“ und Armin Schmerer, der ebenfalls Musiker war und in Bands wie „The Ugly Two & The Halfnaked Cowboy“ gespielt hat, mit im Boot. Damals haben wir neben dem „Eledil“ und der „Knabenschule“ auch noch in verschiedenen Darmstädter Venues Konzerte veranstaltet, wie die „Oetinger Villa“ oder auch in der Krone. Ihr steht bis heute für Garagepunk, Punkrock, Retro, rohe Gitarrenmusik. Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche Bands ihr bucht – Bauchgefühl, Szene-Reputation, persönlicher Kontakt? Das spielt alles in meine Überlegungen mit rein. Ich arbeite schon seit längerer Zeit oft mit ein paar Bookingagenturen zusammen, mit denen die gemeinsame inhaltliche Schnittmenge ziemlich groß ist. Hauptsächlich lade ich aber Bands ein, deren Musik ich gehört habe und gut finde, oder spreche auch Bands an, die ich live gesehen habe. Der persönliche Geschmack spielt schon eine entscheidende Rolle. „Starwhore“ ist kein Hauptberuf, sondern ein Projekt aus Leidenschaft. Wie bekommt man das Konzertveranstalten mit Job, Privatleben und Alltag unter einen Hut – gerade über so viele Jahre hinweg? Früher war das schon nicht ohne. Neben der Musik und den Konzerten war ich ja auch noch am Studieren. Da musste das schon koordiniert laufen. Mittlerweile arbeite ich allerdings fest in der „Knabenschule“ und bin auch dort für das Booking mit zuständig. Das erleichtert natürlich vieles, und mittlerweile finden auch alle „Starwhore“-Konzerte dort im Keller oder in der Halle statt. Und bei den Konzerten habe ich natürlich auch einige tolle Leute, die mich schon seit Jahren unterstützen – bei Auf- und Abbau, Kasse, Bar und anderem. Von außen sieht Konzertmachen oft nach Idealismus und Spaß aus. Wie viel Organisation, Stress und Risiko steckt tatsächlich dahinter – und wo hört die Romantik manchmal auf? Wenn man nach einem Konzert am nächsten Morgen in den Laden zum Putzen muss, da hört dann die Romantik spätestens auf (lacht). Vor allem, wenn man sich abends noch um die Show und die Band kümmern musste, was spät werden kann. Im Vorfeld eines Konzerts gibt es neben dem Booking natürlich noch eine Menge vor Ort zu organisieren: Werbung, Pressearbeit, nicht selten muss noch zusätzliche Technik für die Konzerte hinzugemietet werden und so einiges andere. Wir haben aber auch nie versucht, größer zu werden, und sind bewusst immer auf einem konstanten Level geblieben. Das war auch gut so, denke ich. Nicht jedes Konzert geht auf. Wie geht ihr mit Verlusten um? Gibt es eine Schmerzgrenze – finanziell oder mental – ab der man sagt: Jetzt wird’s schwierig? Was immer schon viel Druck genommen hat, war die Tatsache, dass „Starwhore“ mir nicht die Miete zahlen muss. Das ist einfach eine große Leidenschaft, und wenn mal was hängenbleibt, wird das direkt wieder in weitere Konzerte investiert. Wir waren da immer ziemlich frei in unserem Tun, und vielleicht gibt’s uns deswegen auch schon so lange. Und eigentlich hatten wir immer das Glück, dass sich unsere Veranstaltungen weitestgehend selbst getragen haben. Ich hatte allerdings auch eine Zeit lang Konzerte im „Dreikönigskeller“ in Frankfurt veranstaltet, die nicht immer super liefen. Da kam es schon mal vor, dass ich die eine oder andere Gage aus meiner eigenen Tasche gezahlt habe. Aber das war immer überschaubar, und ich sehe auch immer zu, dass sich das Risiko im Rahmen des Machbaren hält. Und auch hier hilft es durchaus, die Shows jetzt unter dem Dach der „Knabenschule“ zu veranstalten.
©Josko Joketovic
The UFOzzz
Spielt öffentliche Förderung für euch eine Rolle – oder seid ihr bewusst unabhängig davon? Wie bewertest du die aktuelle Förderlandschaft für subkulturelle Konzertarbeit? „Starwhore“ war immer schon ein reines „DIY“-Thema. Von daher haben wir uns nie groß mit Kulturförderprogrammen oder Ähnlichem beschäftigt. Wir sind da immer autark geblieben und haben, wie schon erwähnt, auch Verluste auf die eigene Kappe genommen. Aber für die „Knabenschule“ ist das natürlich schon auch ein Thema. Und was die Förderung der Kultur seitens der Stadt angeht, ist das schon okay hier in Darmstadt bislang, finde ich. Was die Zukunft anbelangt, muss man mal abwarten. In 25 Jahren hat sich enorm viel verändert: Digitalisierung, Streaming, Social Media. Bands verdienen heute kaum noch an Tonträgern, Live-Gagen sind wichtiger denn je. Spürt ihr diesen Wandel im Booking-Alltag? Bei Themen wie Werbung merken wir das natürlich, klar. Als wir angefangen haben, war Social Media kaum relevant. Gab’s damals schon „myspace“? Wenn überhaupt, steckte das alles noch in den Kinderschuhen. Unsere Werbung bestand primär aus Flyern und Plakaten, die wir auf anderen Konzerten verteilt haben. Das machen wir heute natürlich nicht mehr in dieser Intensität. Da würde mir auch die Zeit für fehlen. Aber beides ist schon noch Teil unserer Werbemaßnahmen, und ein schönes Konzertplakat finde ich nach wie vor klasse! Ansonsten läuft die Werbung heute im Großen und Ganzen digital ab. Beim Bandbooking hat sich in unserem Bereich gar nicht so viel verändert, finde ich. Die Ansprüche der Bands in Sachen Gage, Technik etc. sind über die Jahre relativ ähnlich geblieben. Wie hat sich die Darmstädter Konzert- und Clublandschaft in den letzten 25 Jahren verändert? Was ist besser geworden – und was fehlt dir heute vielleicht? Auf jeden Fall hat Corona der lokalen Konzert- und Bandlandschaft keinen Abbruch getan. Ich habe eher das Gefühl, dass es mittlerweile sogar noch mehr neue Bands, Locations und überdurchschnittlich viele Konzerte in Darmstadt gibt. Das hat sich alles richtig gut entwickelt – vor allem in der „Oetinger Villa“. Da spielen sehr gute und oft auch richtig bekannte Bands wie „Turbostaat“ und andere. Und auch, dass es wieder Konzerte im „Sumpf“ an der Kasinostraße gibt, ist ein echter Gewinn für uns alle. Es gibt allerdings weniger Überschneidungen der einzelnen Veranstalter und Bands, würde ich sagen. Da kocht jeder so ein bisschen sein eigenes Süppchen. Gab es in all den Jahren ein Konzert, das für dich persönlich herausragt – weil alles gepasst hat oder weil es einfach unvergesslich war? Nur ein Konzert? Das ist schwierig. Eines meiner absoluten Highlights war auf jeden Fall das Konzert der „Monsters“ aus der Schweiz im „Schallbad“ (Nachfolge-Club des bereits erwähnten „Eledil“, Anm. d. Red.). Den Laden habe ich davor und danach niemals so voll erlebt, und das war musikalisch und von der Stimmung grandios! Und dann erinnere ich mich sehr gerne an eine Silvestershow in der „Knabenschule“ mit den „Defectors“ aus Dänemark zurück. Das war auch supergut! Ah – und natürlich die „Kombinatsparty“ mit den „Nomads“ aus Schweden in der „Krone“. Das war auch eines meiner ganz großen persönlichen Highlights – ein unvergessener Abend. Gibt es noch einen Traum-Act, den du unbedingt einmal nach Darmstadt holen würdest – ganz egal, wie realistisch das ist? Da gibt es noch jede Menge Wünsche! Im Moment haben es mir vor allem australische Bands wie „C.O.F.F.I.N.“ oder „Split System“ angetan. Die würde ich zum Beispiel sehr gerne mal nach hier holen. Das sind jetzt keine superbekannten Acts, aber die würden schon sehr gut laufen bei uns, denke ich. Australien ist seit einiger Zeit eh im Fokus. Wirklich erstaunlich, wie viele extrem gute Bands es dort aktuell gibt. Mit der Jubiläumsparty „25 Jahre Starwhore Corp.“ feiert ihr am 25. Februar mit drei Bands und einem „klassischen“ „Starwhore“-Konzertabend euch und eure Szene. Was erwartet die Besucher*innen konkret – und was wünschst du dir für die nächsten Jahre „Starwhore“: weitermachen wie bisher oder nochmal neu denken? Unter dem Motto „25 Jahre Starwhore“ wird es mehrere Veranstaltungen im Laufe des Jahres geben. Beispielsweise werden wir im Herbst auf jeden Fall auch einen größeren Abend mit mehreren Bands in der Halle machen. Jetzt im Februar präsentieren wir einen Abend mit drei sehr unterschiedlichen Bands: „Schlägertrupp“ aus Darmstadt spielen 80er-Postpunk, „Abzug“ ist eine sehr junge Band aus Aschaffenburg, die eher krautrockmäßig und psychedelisch unterwegs ist, und „Druugg“ aus Belgien sind hierzulande noch recht unbekannt, haben aber schon einiges an Musik veröffentlicht – ebenfalls eher noisig und garage-mäßig. Ein spannender Abend auf jeden Fall! Und für uns als Veranstalter bleibt ja alles immer in Bewegung. Wir haben uns über die Jahre stetig neuen Spielarten wie „Krautrock“ sowie elektronischen und wavigen Themen angenähert und diese mit aufgenommen. Ich höre nach wie vor sehr viel neue Musik und bleibe neugierig. Und solange wird es auch bei „Starwhore“ immer neue, interessante Bands zu entdecken geben. Vielen Dank für das Gespräch. Weitere Infos unter: FACEBOOK 25 Jahre Starwhore mit „Druugg“ / „Abzug“ / „Schlägertrupp“ Fr. 20.2., 21 Uhr, „Bessunger Knabenschule“, Darmstadt
FRIZZ verlost 3x2 Tickets
Bitte sende eine E-Mail mit deinem vollständigen Namen und Kontakt an verlosung@frizzmag.de. Betreff: Starwhore 25 Einsendeschluss: 15.2.2026 Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per E-Mail.
