©Thea Nivea
Thea Nivea Glosse
Thea Nivea
Hi, ich bin Thea Nivea. Nivea hab ich von meinem Vater. Weil ich als Kind mal Nivea gegessen habe. Erklärt er jedem, ders nicht hörn will. Überhaupt erklärt er reichlich viel. Damit ich durchblicke, sagt er. Dabei blick ich schon durch, sogar bei Politik. Oder bei Fußball. Und erklär ihm auch manchmal was. Oder meine Mutter mischt sich ein. Was dabei raus kommt, na ja, könnt Ihr selbst lesen, jeden Monat. Wenn Ihr mir was erklärn wollt, schreibt mir einfach: t.nivea@frizzmag.de
Fallen dir, fragt mein Vater, noch gesellschaftsfähige Worte zum Baustopp des Infozentrums ein? Ja, sag ich. Aber nicht Chaos, sagt meine Mutter, oder verheerend. Ich weiß, sag ich, das stand schon in der lokalen Tagespresse. Also was, fragt mein Vater. Ich wundere mich, sag ich, dass du nicht selbst drauf kommst, ist schließlich einer deiner liebsten Verwaltungsbashingsprüche. Ach so, den, sagt mein Vater. Nehmt ihr mich mit, fragt meine Mutter. Wohin, fragt mein Vater. In unser, sag ich, mentales Infozentrum, sag halt deinen Spruch, Papa, nie war er so passend wie jetzt. Na gut, sagt mein Vater: Die optimale Beendigung des Planungsprozesses ist die Nichtrealisierung zum spätmöglichsten Zeitpunkt. Toll, sagt meine Mutter, abgesehen von eurem maßlosen Zynismus, wer soll das bitte verstehen? Okay, sag ich, dann erzähl ich euch ne Fabel. Diesmal weiß ich, was kommt, sagt mein Vater, deine Lieblingsgeschichte aus den Nachdenklichen Hühnern von Luigi Malerba. Genau, sag ich: Ein analphabetisches Huhn wollte seinen Namen schreiben lernen. Als es ein Mithuhn gefunden hatte, das bereit war, es ihm beizubringen, schlug es sich mit der Kralle an die Stirn und sagte: Aber ich weiß ja gar nicht, wie ich heiße. Ich übersetze, sagt mein Vater: Ein paar übermotivierte grüne Stadtpolitiker wollten ein Welterbeinfozentrum bauen lassen. Als sie ein Architekturbüro gefunden hatten, dass bereit war die Planung zu übernehmen, wurde ihnen klar, dass sie ja gar nicht genau wussten, wie genau sie die Informationen an die Besuchergruppen vermitteln sollen. Genau da, sagt meine Mutter, passt die Fabel nicht mehr. Genau richtig erkannt, sag ich, denn Hühner sind schlaue Tiere, und Politiker, die sich mit der Kralle an die Stirn schlagen, sind eher selten. Auf Darmstädter Verhältnisse angewendet, sagt mein Vater, müsste die Fabel so weiter gehen: Aber trotzdem, ganz ohne zu wissen, wie es heißt, wollte sich das analphabetische Huhn ein riesiges Tintenfass, eine goldene Schreibfeder und einen Stapel edles Büttenpapier anschaffen. Und obwohl ein kluges Mithuhn davor immer gewarnt hatte, gab das analphabetsche Huhn seine Bestellung auf. Im letzten Moment verhinderte der neue Hahn… Der neue Hahn, von wegen, sagt meine Mutter, der ist auch schon seit drei Jahren im Amt. Aber, sagt mein Vater, sein Vorgängerhahn war zuvor mindestens sieben seiner zwölf Jahre der verantwortliche Gockel. Tragisch ist leider, sag ich, dass außer ein paar klugen Mithühnern fast alle Hühner des Hofes mitgemacht haben. Und jetzt, sagt mein Vater, picken sie stoisch weiter rum, als ob nichts passiert wäre und verstehen nicht, warum sich alle drumherum so aufregen. Uffbasse, sag ich, hatte übrigens schon mal recht, damals mit dem Bölle. Du meinst, sagt meine Mutter, die Sache mit der Suche nach Alternativstandorten? Ich erinnere mich, sagt mein Vater, da hätte man sich einige Machbarkeitsstudien sparen können. Immerhin, sag ich, wurden die damals vollständig bezahlt. Stellt euch vor, sagt mein Vater, die Lilien würden jetzt auf irgendeinem Acker bei Arheilgen kicken. Und was, fragt meine Mutter, stellen wir uns jetzt auf dem Osthang vor? Nix mehr, sagt mein Vater, da haben wir die nächsten Jahre ein schönes Loch mit Bauzaun drumherum, ich schlage vor, wir nennen es Welterbegrube. Das könnte allerdings, sag ich, zu Verwechslungen führen mit der Grube Messel. Stimmt, sagt meine Mutter, die ist ja auch Welterbe. Was schlägst du vor, fragt mein Vater. Mathildentief, sag ich. Mathildentief, sagt mein Vater, genial. Und, sagt meine Mutter, was machen wir damit die nächsten Jahre? Wir verlegen den Hühnerhof dorthin, sagt mein Vater. Ja, sag ich, das sollten wir machen, schließlich haben die meisten Hühner des Hofes im Dezember das alles noch genau so haben wollen. Außer den wenigen aufmerksamen Hühnern, sagt mein Vater, und denen, die immer auf der linken Hofseite picken. Aber eben nicht nur, sagt meine Mutter, die grünen Hühner. Also beschlossen, sag ich, einmal im Jahr muss die Stavo im Mathildentief tagen. Stavo in der Grube, fängt mein Vater an zu singen.
